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Buchrezension / Phantastik / Science Fiction

William Gibson – Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack

Rückblick auf mein Lesejahr 2013:
Nach und nach möchte ich meine in den letzten Jahren verfassten Rezensionen hier auf dem Blog sammeln. Los geht es zum Neustart meines Blogs mit einem Text zu William Gibsons beeindruckenden Essay-Band:

Inhalt

William Gibson ist nicht nur Roman-Autor, sondern auch Verfasser von Essays, Rezensionen, Reden und Vorwörtern. Eine unsortierte Sammlung solcher Texte aus den Jahren 1989 bis 2008 findet sich nun in “Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack”, erschienen im Imprint Tropen des Klett-Cotta Verlages.
Beiträge für namhafte Magazine wie “The Observer”, “The New York Times”, “Rolling Stone” und “The Wired” sind ebenso enthalten wie solche, die einleitend in Büchern erschienen sind, beispielweise in “Jorge Luis Borges, Labyrinths: Selected Stories and Other Writings” und “Marquard Smith Stelarc: The Monograph”.

Gibson berichtet über seine Kindheit, seine erste Kontaktaufnahme mit dem Onlineauktionshaus eBay, seiner Obsession für Jorge Luis Borges und Tokio und seine Sicht auf die Gegenwart. Daraus entsteht ein vielfältiges Bild über ihn selbst und auf unser aller Zukunft, Entwicklung und auch Gegenwart.

Meine Meinung zum Buch

Mit seinem 1984 in den USA erschienen Science-Fiction-Roman “Neuromancer” schrieb William Gibson Geschichte. Er führte den Begriff des Cyberspace ein und gilt damit schon lange als Visionär. In “Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack” erfährt der Leser mehr über den Autor, als Gibson selbst in einem einzelnen Interview wohl über sich hätte preisgeben können. In all seinen Beiträgen sind seine Einflüsse, Ansichten und Visionen deutlich zu spüren und verlieren sich auch über die Jahre nicht.
Sei es eine Rede für die Book Expo in New York im Jahre 2010, in der er auf einem Buchhändler-Lunch über seine Autorentätigkeit in den vergangenen Jahren referierte. Oder ein Beitrag für das Time Magazine im Jahr 2000 mit dem Titel “Werden wir Computerchips im Kopf tragen?”, in dem er verdeutlicht, dass die Vorstellung, einen menschlichen Körper für den Zweck der Informationsverteilung mit plumper Hardware in diesen Zustand zu bringen, überholt ist. Oder auch einer der Texte, der mehr oder weniger offensichtlich davon berichtet, dass er Tokio als einen Ort versteht, an dem die Zukunft bereits stattfindet – der sozusagen einen Blick nach vorne erlaubt.

Fast alle Texte sind dabei so spannend und visionär, dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen. Für manchen ist es sicher überraschend zu erfahren, dass William Gibson bereits seit einigen Jahren kein größeres Interesse mehr an der Science-Fiction hat und seine Werke immer als Fortführung der Gedanken über die Gegenwart sieht. Vielleicht sind gerade deshalb seine Schlussfolgerungen über die Zukunft, die Gegenwart und auch die Vergangenheit, die er als Beobachter trifft, von so großer Faszination.

Jeder der 25 Beiträge ist vom Autor aus aktueller Sicht kommentiert. Diese sich jeweils anschließenden Kommentare erweitern das Gelesene nochmals – im Grunde komplettieren sie es erst.

Dieses Buch wirkt nach – erst nach Lektüre aller enthaltenen Texte können diese ein Gesamtbild ergeben. Dieses ist dann überraschend stimmig, obwohl die Beiträge über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten verfasst wurden. Und auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirkt, enthält diese bunt gemischte Sammlung sehr viel Autobiografisches. Dieses Buch in fünf Jahren erneut zur Hand zu nehmen und Gibsons Gedanken zu lesen, ist zu empfehlen. Wenn der Eindruck stimmt, dürften sich dann wieder einige Überraschungen zeigen, die man bei der ersten Lektüre noch nicht sehen konnte – in William Gibsons “Gedanken über die Zukunft als Gegenwart”. Empfehlenswert.

Erschienen ist der Band 2013 bei Tropen, ISBN 978-3-608-50314-2
Auf der Verlagsseite lässt sich auch in das Buch reinlesen: zur Leseprobe bei Tropen.
Ursprünglich erschien diese Rezension auf media-mania.

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