Seit meiner Kindheit lese ich, habe nie damit aufgehört. Romane, Sachbücher, Comics. Mit großer Begeisterung tauche ich ab in Bücher, erlebe Abenteuer, lerne Neues über das Leben und die Welt. Erfreue mich an der Fantasie der Schreibenden, an ihrer Kunst mich auf eine Reise mitzunehmen. Jeder hat dabei seinen ganz eigenen Stil, ich sauge die Sprache in mich auf, freue mich, wenn die „Erzählstimme“ etwas in mir anklingen lässt. Mich berührt. Tief. Mich zum Lachen, Weinen, Nachdenken bringt.

Aber eines hat noch keiner dieser unzähligen Texte geschafft. Noch nie habe ich vor meinem inneren Auge Bilder gesehen. Filme schon gar nicht. Niemals hatten die Figuren in Büchern ein bestimmtes Aussehen, das ich „sehen“ konnte.

Ich sehe keine Bilder

Ihr seid überrascht? Schließlich wusstet ihr auch vor den Harry Potter-Verfilmungen genau wie Harry, Hermine und Ron aussahen? Womöglich habt ihr sogar die Strecke des Hogwarts-Express vor euch gesehen und das Haus der Weasleys. Nur eins von vielen Beispielen. Aber vielleicht geht es euch ganz ähnlich wie mir und ihr habt stets gedacht, alle würden sich die Figuren nur abstrakt vorstellen. Und ihr seht keine Bilder.

Ich bin wahrlich nicht die Erste, die davon berichtet, da ich aber immer wieder Menschen begegne, die davon noch nie etwas gehört haben, schreibe ich heute ein paar Zeilen darüber.

Wie ist das so ganz ohne Bilder beim Lesen?

Zuallererst, ich habe viele Jahre lang gedacht, dass es den meisten Menschen so geht, dass sie Schwärze sehen, wenn sie die Augen schließen. Wenn mir beispielsweise jemand sagt, ich solle mir eine Blumenwiese vorstellen, dann sehe ich – schwarz – und stelle mir aber abstrakt vor, wie eine Blumenwiese aussehen würde. Ich sehe sie allerdings niemals, es ist eher ein „Verstehen“. Dass sich das bei anderen anders verhält und diese tatsächlich eine Blumenwiese sehen können, hat mich umgehauen. Damit habe ich wirklich niemals gerechnet! :-o

Zwar wusste ich, dass es Lesende gibt, die beim Lesen den Text nicht mehr als solchen wahrnehmen und direkt einen Film ablaufen sehen (ich kenne so jemanden), jedoch habe ich das stets für ein besonderes Extrem gehalten. Und ich gebe zu – ich war immer ein wenig neidisch auf diese Fähigkeiit.

Aufgeschlagenes Buch auf Blättern und einem BaumWie ist das jetzt also, wenn ich lese?

Im Grunde genommen, ganz simpel: Ich sehe den Text. Die Schrift, die Buchstaben. Wort für Wort. Immer. Wenn der vor mir liegende Text Fehler enthält, fällt es mir schwer, diese zu übersehen. Neben schlechtem Stil einer der Faktoren, die mich aus dem Lesefluss reißen können.

Figuren entstehen nicht bildhaft in meinem Kopf, sondern formen sich anhand ihres Verhaltens, ihres Charakters, ihrer Emotionalität. Es fällt mir ziemlich schwer, das zu beschreiben. Es ist eher ein Gefühl denn ein Bild. Die Figuren in einem Roman können für mich trotzdem lebendig, authentisch und mir nahe sein. Aber sie haben eben nie ein Gesicht, keine Augenfarbe – oft weiß ich noch nicht einmal, ob sie dick, dünn, groß oder klein sind. Wenn eine Autor*in ihre Figur beispielsweise so schreibt, dass ich sie als groß und weiblich empfinde, sie in Worten aber als klein und männlich beschreibt, ist dies für mich eine spürbare Diskrepanz. Entweder breche ich den Roman dann ab oder wenn er mich trotzdem packt, bleibt die Figur für mich einfach groß und weiblich. Was soll’s :-D Und es ist auch nicht immer so, die Ausnahmen bestätigen bekanntermaßen die Regel.

Ein Beispiel

Buch und Kaffeetasse und überall BücherKürzlich haben Stefanie (von Bella’s Wonderland) und ich parallel den gleichen Roman gelesen: Der Untergang der Könige von Jenn Lyons. Dieser erste Band der Drachengesänge-Reihe erschafft eine komplexe Fantasywelt mit vielen Figuren, darunter auch Nichtmenschliche, Drachen, Dämonen – es ist eine ganze Menge los. Nachdem ich fast mit den gut 860 Seiten durch war, es lagen noch 200 vor mir, fragte ich Stefanie, ob sie ein Bild von zwei der Hauptfiguren hätte und wüsste, wie diese aussehen. Ich war sehr gespannt, denn für mich waren und sind diese zwei nur durch ihre Handlungen charakterisiert. Ich hatte aber überhaupt keine Ahnung, wie sie aussehen könnten. Es war mir übrigens auch nicht wichtig, die Story funktionierte auch so für mich perfekt.

Ihr werdet vermutlich nicht überrascht sein, dass Stefanie mir sehr gut beschreiben konnte, wie die zwei genannten Figuren aussahen. Damit ich diese Bilder verstehen konnte, schickte sie mir Fotos von Schauspielern, die den Personen ähnelten. Absolut faszinierend für mich, die Figuren mit Stefanies Augen zu sehen.

Endlich habe ich die Gefährten GESEHEN

Legofigur GandalfFür manche mag das komisch klingen, aber als ich damals die Herr der Ringe-Verfilmungen von Peter Jackson gesehen habe, war das für mich eine Offenbarung! Endlich habe ich die Gefährten SEHEN können! Und sie entsprachen meiner abstrakten Vorstellung der Vorlage so wunderbar. Dabei war es gar nicht so wichtig, wie diese aussahen, sondern dass sie sich für mich richtig „anfühlten“. Es fällt mir wirklich schwer, das zu beschreiben.

Bei (für mich) guten Texten kommt es vor, dass Szenen in meinem Kopf entstehen, die ich zwar nicht sehe, aber auf eine andere Weise erfasse. Ich weiß dann einfach, was dort geschieht, wie die Abläufe sind usw. Zuletzt hat das der erste Band der Hexer-Reihe von Andrzej Sapkowski bei mir erreicht (Das Erbe der Elfen). Hätte ich nicht schon Bilder des Hexers Geralt in Games, Comics und auf dem TV-Bildschirm gesehen, wüsste ich übrigens noch immer nicht, wie er eigentlich aussieht. Und wieder wäre es für mich auch nicht relevant, wenn die Bilder aber einmal von außen zu mir kommen, gefällt mir das als zusätzliches Goodie zum Gelesenen.

Mittlerweile bin ich übrigens davon überzeugt, dass ich Bücher mit Illustrationen und Comics auch deshalb sehr gerne lese, weil mir gleich ein Bild der Figuren und Kulissen mitgeliefert wird. Vielleicht geht es euch ähnlich? Kommen wir zu euch:

Wie ist eure Lesewahrnehmung?

Wie nehmt ihr Texte wahr? Seht ihr Bilder, Filme, Szenen vor euch? Hört ihr die Texte als würde sie jemand vorlesen? Haben die einzelnen Figuren unterschiedliche Stimmen? Seht ihr nur die Schrift auf dem Papier und habt aber abstrakte Vorstellungen von den Geschehnissen?

Ich bin sehr gespannt auf eure Berichte! Schreibt mir, kommentiert hier, antwortet auf den Social Media-Kanälen.

Zeichnung Raumfahrerin und daran hängt mit Schlauch ein Buch

Eines noch zum Abschluss: Ich genieße das Lesen und Lektüre sehr und sehe keinerlei Abstriche darin, dass ich eben keine Bilder sehe. Es ist einfach meine Art der Wahrnehmung und keinesfalls ist diese schlechter oder besser als andere. Sie IST einfach nur. Bekannt ist dieses „Phänomen“ auch unter dem Namen Aphantasie / Afantasie und liest man Berichte darüber, wird stellenweise von einem „Leiden“ gesprochen. Das halte ich für Unsinn, ich leide nicht darunter und sehe auch nicht, warum das irgendjemand sollte.

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