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Comicrezension / Auch für Comic-Einsteiger / Graphic Novels

Slice of life². Ghost World + Bei mir zuhause

Beide Comics liegen schräg auf einem Stapel im Hintergrund Kerzen und Getränk

Von ganz bestimmten Lebensabschnitten erzählen sowohl Daniel Clowes als auch Paulina Stulin. Und auch wenn die Protagonistinnen nicht ganz im gleichen Alter sind, haben sie doch Gemeinsamkeiten. Beide Comics erzählen von Lebensabschnitten, die in der Zeit ihrer Entstehung angesiedelt sind. Was sie dabei trennt ist die zeitliche Kulisse. Während Enid und Rebecca in Ghost World im Ende der 1990er Jahre mit ihren Problemen klar kommen müssen, schlägt sich Paulina in Bei mir Zuhause durch die späten 2010er. Zwei kurze Comicrezensionen.

Ghost World – Daniel Clowes

Cover zeigt die zwei Frauen und den Titel Ghost World
Ghost World © Daniel Clowes / Reprodukt Verlag

Zum 30-jährigen Jubiläum des Berliner Reprodukt Verlags ist Clowes Coming of age-Klassiker in einer schicken Hardcoverausgabe erschienen. Ansprechend handgelettert von Dirk Rehm im originalen türkis-schwarz-weißen Farbkonzept passt diese im ausgehenden 21. Jahrhundert spielende Story tadellos auch in die aktuelle Zeit. Zeitlos erzählt er davon, wie es ist “being 18” zu sein. Die Ambivalenz zwischen dem, was die zwei Frauen zukünftig sein wollen, was sie waren und was sie sind reicht für ausreichend Spannungen in der Geschichte.

Für mich war es der erste Kontakt mit Ghost World und ich habe es genossen, Enid und Rebecca über die Schultern zu schauen. Es fühlt sich ein wenig so, als würde man selbst die Zeit noch einmal durchleben, mit ihnen zusammen auf der klebrigen Bank im Diner sitzen. Die Angst vor dem was kommt, die sich trennenden Wege, die Oberflächlichkeit anderer, über die wunderbar gelästert werden kann, inklusive dem geheimen Wissen selbst nicht viel besser zu sein.

Daniel Clowes’ Szenario ist ziemlich amerikanisch, schräg und insgesamt aber punk(t)genau, was den betreffenden Lebensabschnitt angeht – egal in welcher Zeit. Ich kann nur mutmaßen, glaube aber, dass mich der Comic geprägt hätte, hätte ich ihn im Alter der zwei Freundinnen gelesen. Zeitlose Comicempfehlung!

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Ghost World von Daniel Clowes, übersetzt von Heinrich Anders
erschienen im Februar 2021 im Reprodukt Verlag (Link auch zur Leseprobe)
80 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-95640-267-8, Eur 20

Bei mir zuhause – Paulina Stulin

Bei mir Zuhause © Paulina Stulin / Jaja Verlag

Vom Inhalt losgelöst spielt Bei mir zuhause mit 612 Seiten und fast zwei Kilo Gewicht in der Ziegelsteinklasse. Eine Menge Lesestoff, während Stulin in ihrem autobiografischen Slice of life-Comic viel in ausdrucksstarken teils minimalistischen Bilder erzählt. Oft ganz ohne Text. Eine tolle Bilderzählung, die punktgenau auf die Kleinigkeiten schaut. Faszinierend real sind die Fokussierungen auf so unwichtig wirkende Dinge wie Einbaulampen und Haare im Abfluss – alles in fließenden Zeichnungen ohne harte Konturen.

Paulina Stulin erzählt von der Sicherheit, die Gewohnheiten und eine heimlige Atmosphäre geben kann. Davon, wie beruhigend die Banalität des Alltags ist. Bei mir zuhause scheint ein Selbstporträt, gar ein Tagebuch der Autorin zu sein, das vor nichts zurückschreckt. Hilflosigkeit, Verletzungen, Unlust, zugleich Freude, Party und Freundschaften – es wird nichts ausgelassen. Ein Buch über einen Lebensabschnitt, das 30-werden und das Sich-selbst-finden.

Die Graphic Novel ist sehr eindringlich, real und ehrlich, sie verdient, dass ich auch völlig ehrlich bin. Und mir war die Protagonistin etwas zu anstrengend und blieb mir bis zur letzten Seite fremd. Vielleicht sind meine Dreißiger einfach schon zu lange her oder habe ich mich womöglich zu sehr selbst erkannt? Wie es euch wohl mit dem Buch geht. Ich bin gespannt.

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Bei mir zuhause von Paulina Stulin
erschienen 2020 im Jaja Verlag (Link auch zur Leseprobe)
612 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-948904-00-5, Eur 35

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