Corwin findet sich in einem New Yorker Krankenhausbett wieder. An die vorherigen Geschehnisse kann er sich nicht erinnern. Kann er sich überhaupt an irgendetwas erinnern? Wie ist sein Name? Wer ist er überhaupt? Er weiß es nicht. Kann sich nicht erinnern, dass sein Name Corwin und er einer der Nachkommen Oberons, des Herrschers von Amber ist. Dass er einige Schwestern und Brüder hat und alle, auch er selbst, auf der Jagd nach dem von Oberon verlassenen Thron sind. Über Umwege findet er eine seiner Schwestern, die ebenfalls hier in den Schatten lebt. Sie scheint finanziell gut gestellt zu sein, lebt in einem großen Anwesen. Als er ein Kartenspiel findet, auf dem nicht nur seine Schwester, sondern auch er selbst abgebildet ist, ahnt er so langsam, dass hier etwas nicht stimmt. Aber niemand darf ahnen, dass er sein Gedächtnis verloren hat. So meint er sich in Sicherheit zu fühlen. Seine Täuschung funktioniert, selbst sein plötzlich eintreffender Bruder Random ahnt nichts. Nimmt ihn sogar mit auf die Reise den Weg zurück nach Amber zu finden. Durch die Schatten. Durch viele auf der Reise erschaffenen Welten …

Klassiker der Phantastik

Wer sich bereits seit längerem im Bereich der Phantastik herumtreibt, hat sicher schon von Roger Zelazny und so auch von seinen Chroniken von Amber gehört. Ich habe noch den dicken Sammelband aus dem Heyne Verlag von 1986 in meinem SUB. Aber wo? Ich gebe zu, ich weiß es nicht. Allerdings gehört er zu den Büchern, die ich bei all den vielen Aussortieraktionen doch immer behalten habe, denn ich wollte ihn lesen, da war ich sicher! Aber genau das hatte ich bisher nicht getan. Ich habe die Chronik nie gelesen, auch nie einen anderen Zelazny. Und wie so oft, kann ich nicht sagen, warum ich es nicht getan habe. Vermutlich war es wie immer, es kam mir etwas Neueres unter die Nase und das Interesse an dem „alt“ wirkenden Fantasy-Schmöker verblasste.

Gegen das Verblassen hat jetzt aber der Klett-Cotta Verlag eine wunderbare Idee gehabt. In der Hobbit Presse erscheinen seit Oktober 2017 alle fünf Bände der Chroniken von Amber in überarbeiteter Ausgabe. Und – mit unterschiedlich farbigem Buchschnitt. Da war es vorbei mit dem Verblassen. Ich las den ersten Band, um den es in dieser Rezension gehen soll und wurde überrascht. Überrascht von der überhaupt nicht angestaubten und gänzlich ungewöhnlichen Fantasystory. Erwartet hatte ich High Fantasy im eher klassischen 70er-Jahre-Gewand – schließlich ist der Originalzyklus in den Jahren 1970 bis 1978 erschienen. Bekommen habe ich eine ungewöhnliche Phantastikstory, die sich nicht so recht in das Fantasygewand stecken lässt. Die Genres vermischen sich und haben mich mitgenommen auf eine wortwörtlich phantastische Reise durch verschiedene Welten und Dimensionen. Diese entstehen teilweise unter den „Händen“ der reisenden Prinzen, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind.

Man mische „Matrix“ und Magie

Durch den ersten Band zieht sich eine Verfolgungsjagd, die mich in ihrer Intensität und Geschwindigkeit an den Film „Matrix“ erinnert hat. Das passt nun gar nicht zu klassischer Fantasy? Richtig. Und so geht es weiter auf Corwins Reise nach Amber und seinem späteren Aufenthalt in der königlichen Stadt. Einerseits wird mit Stich- und Hiebwaffen gekämpft, andererseits werden Strecken in irdischen Fortbewegungsmitteln wie Autos und Flugzeugen zurückgelegt, dann wiederum geht es auf Pferden in eine Unterwasserstadt, die aber „nur“ ein Abbild des realen Ambers darstellt. Verwirrend? Ja. Und genau deshalb hat es mir so gut gefallen. Zelaznys Stil ist nicht einfach, teils klingt der Text geradezu distanziert, dann wieder wird die Leser*in direkt angesprochen. Dies passt zum wortwörtlich zu nehmenden sprunghaften Verhalten des Protagonisten, der zwischen den Schauplätzen in der Zeitspanne eines Augenzwinkers wechselt. Hierhin, dorthin. Mal aus der Ferne erzählt, dann wieder ganz nah am Lesenden. Hinzu kommt ein interessantes Magiesystem, das nicht offensichtlich ist und auch nicht im Detail erklärt wird.

Eine Besonderheit ist mir aufgefallen, die womöglich sehr individuell ist. Dazu muss ich sagen, dass ich beim Lesen fast nie Bilder vor mir sehe, sondern eher den Text höre (ich werde dazu noch in einem anderen Beitrag mehr erzählen). Und beim Lesen dieses Buches ist mir eine seltsame, durch eine sich immer wiederholende, manchmal ermüdende und sogar meditativ klingende Satzmelodie aufgefallen. Dies kenne ich sonst nur von Lyrik und ist das erste Mal, dass ich es beim Lesen eines Romans wahrnehme. Das mag abgehoben und esoterisch klingen, habe ich aber exakt so erlebt.

Ideen-Explosion

Mit Die Neun Prinzen von Amber beginnt ein Zyklus, der sich nicht recht einordnen lässt. Der Roman steckt voller Ideen, es wirkt als hätte sich der Autor vor diesen nicht „retten“ können und somit sehr viele direkt in diesen Text gesteckt. Ohne Rücksicht auf Verluste und Wirkung. Ein sehr besonderes Buch, das sicher nicht jedem gefällt, aber es absolut wert war, nun in dieser Neuausgabe zu erscheinen. Keine Fantasy von der Stange. Ein ungewöhnliches Stück Phantastik, was hervorragend in das Portfolio der Hobbit Presse passt. Meine Empfehlung lautet: einfach mal ausprobieren. Ich bin froh, es endlich gelesen zu haben und werde dran bleiben.

Die Chroniken von Amber 1: Die neun Prinzen von Amber

Geschrieben von

Roger Zelazny

Genre und Link zum Buch beim Verlag

Fantasy, Phantastik
Leseprobe auf der Verlagswebseite von Klett-Cotta: Die neun Prinzen von Amber

Übersetzung

Thomas Schlück (aus dem Englischen)

Noch ein paar Details

Im Oktober 2017 erschienen in der Hobbit Presse im Klett-Cotta Verlag, ISBN 978-3-608-98127-8
268 Seiten, Broschur mit grünem Farbschnitt (Taschenbuch)

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Cover des Romans zeigt einen Mann mit längerem dunklen Haar in einem langen Umhang mit Säbel am Gürtel

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