GEHEIMNISVOLL
Zachary Ezra Rawlins entdeckt es zwischen all den unzรคhligen Bรผchern, die in der College-Bibliothek wohnen. Das Buch, das seine eigene Geschichte zu erzรคhlen scheint. Welches davon erzรคhlt, wie er als Kind die geheimnisvolle auf eine Hauswand gemalte Tรผr entdeckte. Eine Tรผr, die nirgendwo hinfรผhren konnte. Zumindest, wenn man davon ausging, dass gemalte Tรผren sich nicht รถffnen kรถnnen. Wenn

Entlang der Tรผrrรคnder sind prรคzise geometrische Muster eingeritzt – nein, aufgemalt -, die Tiefe vortรคuschen, wo keine ist. In der Mitte, etwa dort, wo ein Guckloch sein kรถnnte, und mit stilisierten Strichen, die zu der aufgemalten Schnitzerei passen, ist eine Biene. Unter der Biene ist ein Schlรผssel, unter dem Schlรผssel, ein Schwert.
Erin Morgenstern, Das sternenlose Meer, S. 18

SOG ERZEUGEND
Zachary verfรคllt dem Buch, er kann sich nicht losreiรŸen. Vergisst darรผber, dass er eigentlich an seiner Promotion arbeitet und macht sich auf den Weg. Auf eine Entdeckungsreise, die das seltsame Buch ihm geradezu aufdrรคngt. Aber es fรผhlt sich nicht schlecht an, im Gegenteil – das Buch und seine Geheimnisse erzeugen einen unfassbaren Sog, der Zachary mit sich zieht und ihn nicht mehr los lรคsst. Er MUSS ganz einfach mehr erfahren. Alles andere tritt in den Hintergrund. Zachary trudelt immer weiter hinab in seiner Suche. Ob am Grund auf ihn Das sternenlose Meer wartet?

Ist dies nicht sogar mein Buch?

Endlich sind die Jahre des Wartens vorbei, seit Erin Morgenstern mit ihrem Debรผt Der Nachtzirkus (auch bei mir) eingeschlagen ist mit ihrer tief poetischen und zugleich phantastisch dunkelschillernden Geschichte. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen in ihren neuen Roman. Bereits nach wenigen Absรคtzen, eigentlich schon nach den ersten Sรคtzen, wusste ich, dass dies DAS Buch war, auf das ich gewartet hatte. Wenn Bรผcher mich auf eine bestimmte emotionale Weise berรผhren, weiรŸ ich, dass sie fรผr mich „richtig“ sind. Das sternenlose Meer ist solch ein Roman. Ein Roman รผber Bรผcher, รผber Geschichten, รผber das Erzรคhlen und รผber das Wirken dieser Dinge in uns Lesenden. Es ist ein Buch fรผr uns alle, voller Wunder.

Ein Protokoll der Gefรผhle

Dies wird keine Rezension im eigentlichen Sinne, vielmehr mรถchte ich euch teilhaben lassen, welche Wirkung Morgensterns Text auf mich hatte. Subjektiv und sehr persรถnlich.

Nach jedem der kurzen Kapitel, die รผber eine lรคngere Strecke abwechselnd von Zachary erzรคhlen und Abschnitte aus dem von Zachary gefundenen Buch abdrucken, musste ich tief durchatmen, mich sammeln und neu ordnen. Die ersten vier Seiten haben mich bereits derart in Sprache und Inhalt mitgenommen, dass ich ein klitzekleines bisschen Angst hatte, auf was ich mich da eingelassen hatte. Aber wie Zachary, fรผhlte ich einen immensen Sog weiterzulesen. Erin Morgenstern hat Worte, Sรคtze und den Kapitelaufbau komponiert, als hรคtte sie es auf meinen Geist zugeschnitten, meine innere Stimme „kopiert“. Ich verlangsamte mein Lesen immer weiter, um bloรŸ alles bis auf das Essentielle Eingedampfte in den Texten in mich aufzunehmen. Der Text floss wie dicker gelber Honig und hielt mich fest in seiner zuckrigen und leicht bitteren Klebrigkeit. Was fรผr ein รผberwรคltigendes Gefรผhl. Gab es hier schon eine Parallele zu der Biene auf der Tรผr?

PAPIER, SELBST MIT FADEN in Stoff oder Leder gebunden, ist empfindlich. Die meisten Geschichten im Hafen am Sternenlosen Meer wurden auf Papier festgehalten. In Bรผchern oder auf Schriftrollen, oder man faltete sie zu Papiervรถgeln und hรคngte sie an die Decke.
Einige Geschichten sind noch empfindlicher: Auf jede in Stein geritzte Erzรคhlung kommen etliche, die auf Herbstblรคttern stehen oder in Spinnweben eingewoben sind.
Erin Morgenstern, Das sternenlose Meer, S. 53 (SรœSSES LEID. Es gibt drei Pfade. Dieser ist einer von ihnen.)

Als Lesende fรผhlte ich mich wie eine Beobachterin, die einen Peilsender an Zachary angebracht hatte und dessen Signal folgte. Unermรผdlich und immer vorsichtig Abstand haltend, dass er mich ja nicht bemerkte. Gleichzeitig verspรผrte ich den starken Drang, den Text laut zu lesen, die zauberhaften Kompositionen auszusprechen. Den perfekten Rhythmus der Worte zu hรถren, der sich anfรผhlte, wie ein Song, bei dem man plรถtzlich mitsingen und sich im Takt der Musik bewegen muss. Immer wieder blรคtterte ich zurรผck, hatte den Eindruck, das Buch spricht die Sprache meiner Gedanken, steht gar in telepathischer Kommunikation mit mir. Was fรผr ein Erlebnis.

Ein wenig lieรŸ diese Faszination nach, als es auf das Ende des Romans zuging. Der Abschluss war dann nicht wie erwartet. HinterlieรŸ Gedanken รผber die Absicht der Autorin, die ich hier nicht ohne zu viel zu verraten festhalten kann.

Wer das Geheimnis des sternenlosen Meers lรผften mรถchte, ist aufgerufen, sich selbst auf die Reise zu machen. Nach den ersten paar Sรคtzen solltet ihr merken, ob dieser Weg zu euch passt. Zu mir passte er in jeder seiner Nuancen.

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DAS STERNENLOSE MEER
Erin Morgenstern
รผbersetzt von Karin Will
erschienen im Mai 2020 im Blessing Verlag
640 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-89667-657-3
22 Euro
Erhalten als Rezensionsexemplar
Buchcover in schwarz mit Schlรผsseln darauf
Das sternenlose Meer ยฉ Erin Morgenstern / Blessing Verlag

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