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Königin der Banditen

Triggerwarnung

Phoolan Devi wächst als Tochter armer Eltern in einem kleinen indischen Dorf auf. Als Angehörige der Gemeinschaft der Mallahs (Kaste der Shudras), steht sie mit ihrer Familie als Bauern und Fischer ganz unten im System – geboren um zu dienen. Und dieser Druck geht auch an der kleinen Phoolan nicht vorbei. Theoretisch verbietet das indische Gesetz jegliche Diskriminierung in Verbindung mit den Kasten. Die Realität zeigt jedoch ein ganz anderes Gesicht.

Comicleseprobe
Phoolan Devi, S. 7 © Claire Fauvel / bahoe books

Mit elf Jahren wird das Mädchen zwangsverheiratet mit einem 35-jährigen Mann, der sie gegen die Tradition, sofort mit sich in ihr Dorf nimmt. Phoolan ist nicht aufgeklärt, hat keine Ahnung, was ihr blüht, als er sie nur kurz danach brutal vergewaltigt, schlägt und in einen Stall sperrt. Ihre Eltern schaffen es sie zurück zu kaufen, jedoch wird sie fortan in ihrem Heimatdorf als Freiwild angesehen – unverheiratet und geschändet, wie sie ist. Als sie sich mit dem Obersten anlegt, werden ihre Eltern eingesperrt und sie selbst als Diebin beschuldigt.

Im Gefängnis erfährt sie aufs Neue die Gewalt der Männer, sie wird brutalst vergewaltigt und körperlich misshandelt. Einzig durch die Einmischung eines Anwalts gelangt sie aus dem Gefängnisalptraum und überlebt. Nicht aus ihrer Haut könnend, rächt sie sich am Sohn des Obersten, der sie in die Lage gebracht hatte und hat Glück im Unglück, als sie eines nachts von einer Banditenbande entführt wird.

Nachdem Phoolan mittlerweile innerlich zu einem Stein geworden ist, begegnet sie ausgerechnet bei den Banditen, ihrer einzigen Liebe. Vikram wird zum Anführer und hält seine Hand schützend über sie. Ihr Glück hält jedoch nicht lange an …

Als sie nach weiteren Torturen an der Spitze ihrer eigenen Bande steht, ist gewiss, dass sie nie von ihrem Kampf absehen wird. Gegen (religiöse) Ungerechtigkeit, gegen Gewalt und Diskriminierung von Frauen, gegen Unterdrückung. Mit 20 Jahren geht sie 1983 schließlich freiwillig ins Gefängnis, ergibt sich, als sie steckbrieflich aufgrund ihrer Überfälle und Rachetaten gesucht wird. Erst 1994 wird sie ihre Zelle als freie Frau verlassen. Alle 52 Anklagepunkte gegen Phoolan Devi, die zwei Jahre später als Abgeordnete ins indische Parlamant gewählt wurde, wurden zu dem Zeitpunkt fallen gelassen.

Ein Lebensweg als Kämpferin

Phoolan Devi. Königin der Banditen entstand auf Grundlage der Autobiografie Ich war die Königin der Banditen (auf deutsch erschienen bei Bastei-Lübbe 1998), die Devi diktierte, da sie selbst nicht lesen und schreiben konnte. Claire Fauvel hat mit dieser Comicadaption ein wichtiges, eindringliches und überaus aufrüttelndes Werk geschaffen, wie es mir selten begegnet ist. Wer beim Lesen der Inhaltsbeschreibung Bedenken hat, sich dieser Graphic Novel zu stellen, sollte wissen, dass selbstverständlich die Gewaltszenen und sogar fast jede einzelne Seite beim Lesen einen tiefen Schmerz in einem selbst auslösen kann. Jedoch nimmt die Künstlerin in den schrecklichsten Szenen das Licht zurück, dunkelt die Panels ab. Es wirkt in etwa, als würde man beim Lesen die Augen zusammenkneifen, um das Grauen nicht in seiner vollumfänglichen Schrecklichkeit ertragen zu müssen. Damit wird nichts verharmlost, es wird nur ein wenig erträglicher.

Beim Lesen der Lebensgeschichte Phoolan Devis, die ich hier in Fauvels Panels, über gute zehn Jahre begleiten durfte, dachte ich mehrfach Was für eine furchtbare Geschichte!, direkt gefolgt von einem fassungslosen Moment des Erkennens, dass dies alles gar keine Geschichte war! Keine Fiktion, sondern schonungslose Realität. Die Realität einer Frau, die sich Zeit ihres Lebens für Gerechtigkeit eingesetzt hat und schließlich den Tod durch einen Mann gefunden hat, als sie 2001 von einem Extremisten der Thakur (Kaste der Kshatriyas – Krieger) ermordet wurde.

Phoolan Devi. Königin der Banditen ist ein wichtiges und ein überaus gutes Buch. Ein Buch, das ich glaube nicht vergessen zu können. Einige Bilder haben sich tief in mir eingebrannt. Phoolan Devi war eine wahrhafte Rebellin, die sich gegen die Macht des Patriarchats und religiöse Ordnung der Kasten gewehrt hat. Ihre Geschichte ist wichtig, in all ihrer Verzweiflung und Gewalt dennoch aufbauend und Mut machend.

Was die anderen Verbrechen nennen, nenne ich Gerechtigkeit
Claire Fauvel – Phoolan Devi, S. 120

Podcast-Tipp: In Folge 29 unseres Comicpodcasts 3 Frauen. n Comics. Der Comicklatsch (Link) stelle ich Phoolan Devi. Die Königin der Banditen als Empfehlung vor. Unsere Folgen finden sich auf allen gängigen Plattformen und auch auf unserem Blog.

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PHOOLAN DEVI
Königin der Banditen
Claire Fauvel
übersetzt von Daniel Zumbühl
erschienen im Juni 2020 im Verlag bahoe books (Link auch zur Leseprobe)
226 Seiten, Hardcover, Farbe
ISBN 978-3-903290-22-8
24 Euro
Geeignet auch für Comiceinsteiger:innen
Erhalten als Rezensionsexemplar
Cover des Comics
Phoolan Devi © Claire Fauvel / bahoe books

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Triggerwarnung: Gewalt, sexualisierte Gewalt, Misogynie, Vergewaltigung

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