Das, was man nicht sieht. Mit den Augen sehen wir zunächst nur, was offensichtlich ist. Oft machen wir uns schon mit diesem ersten Eindruck ein Bild von einem Menschen. Vielleicht schießen uns gleich Vorurteile durch den Kopf weil die Äußerlichkeiten uns diesen Menschen in eine gedankliche Schublade stecken lassen. Vielleicht haben wir Mitleid, weil wir glauben, dass der Mensch leidet. Vielleicht fühlen wir uns angezogen, da etwas an dem Menschen ist, das wir für uns als Signal für Sympathie empfinden – wir vielleicht Dinge an der Person sehen, die wir selbst mögen – sei es ein Verhalten, eine Ähnlichkeit oder auch äußere Einflüsse, wie beispielsweise eine bestimmte Haarfarbe.

Wie falsch wir mit diesen Eindrücken oft liegen, merken wir erst, wenn wir diesen Menschen näher begegnen. Sie kennenlernen, mit ihnen ins Gespräch kommen, gemeinsam diskutieren, Spaß mit ihnen haben oder auch mit ihnen streiten. Erst dann entwickeln wir langsam ein Gefühl dafür, wen wir da vor uns haben. Was hinter der optisch sichtbaren „Fassade“ steckt. Einige haben eine starke Mauer um sich herum aufgebaut. Mit der Zeit aber – umso länger man einen Menschen kennt, umso intensiver die Gespräche werden und umso vertrauter die Umgebung wird – bekommt diese Mauer kleine Löcher. Diese können größer werden, manchmal werden sie zunächst wieder zugekittet, dann aber können sie wieder aufbrechen. Der Mörtel ist dann noch frisch, die Vertrauensbasis schon geschaffen. Die Chance, dass die oft felsenfeste Mauer, die der-/diejenige wahrscheinlich über lange Zeit aufgebaut hat, an den selben Stellen wieder einbricht, ist jetzt um einiges größer. Wenn es gut läuft, wird sie nicht wieder aufgebaut. Diese Mauer, die eigentlich gedacht war, sich selbst zu schützen, war vielmehr ein Weg in die Einsamkeit. In ein Alleinsein mit sich selbst. Selbstzerstörerisch. Nicht alle tragen eine solche zentnerschwere Mauer mit sich rum. Bei manchen Menschen ist sie hauchdünn und nur ein Schleier, der bereits mit wenigen Gesprächen fällt. Ein Schleier oder eine Wand der Äußerlichkeiten, die uns oft … zu falschen Schlüssen leitet.

Ich bin nun knapp drei Wochen in einer orthopädischen Rehaklinik, die auch Ernährungsfehlverhalten behandelt. Dies ist nicht mein erstes Mal. Wer von außen durch die Fenster schaut oder einen Blick in die Sporträume, den Speisesaal, die Flure oder die Aufenthaltsräume wirft, wird sich fragen, wo die kranken Menschen denn sind, die hier behandelt werden sollen. Wo sind die auf Krücken und Rollatoren gestützten Patienten? Warum sehen fast alle agil, sportlich, beweglich und gut gelaunt aus? Klar ist, dass ausnahmslos alle, die hier anzutreffen sind, eine Berechtigung haben hier zu sein. Die Erkrankungen sind vielseitig – oft sind Druck im Job und auch Probleme in der Familie nicht unschuldig für Fehlhaltungen, Schäden am Bewegungsapparat und chronischen Schmerzen. Und es gibt sehr viele Mauern, von fest betonierten bis zu bereits sehr brüchigen. Ich wage zu behaupten, dass niemand hier keine Mauer um sich hat.

In dieser Umgebung wird es wieder einmal deutlich, wie wenig ein jeder Mensch auf einen ersten optischen Eindruck geben sollte, den er sich von einer Person automatisch macht, wenn er sie oder ihn sieht. Wie wichtig es ist unvoreingenommen zu sein. Und wie schön es sein kann, die Menschen hinter ihren Fassaden kennenzulernen. Es stärkt beide, nicht nur einen selbst.

Und natürlich ist dies nur ein Beispiel von vielen möglichen Situationen. Es kam mir gerade zupass, da ich in der erfreulichen Lage war einige mir vorher fremde Menschen auf ganz besondere Weise und völlig losgelöst vom normalen Alltag während dieser „Reha“ zu treffen. Zu spüren, dass Mauern bröckelten (auch meine eigene, wenn sie auch in den letzten Jahren schon stark geschrumpft ist), war wunderschön und rührend.

Ich selbst strebe oft nach dem Höchsten, dem Perfekten. Obwohl ich meinen inneren Kritiker schon stark gedämpft habe und mir seiner Anwesenheit bewusst bin, neige ich dank ihm dazu, stets nach den Sternen greifen zu wollen. Wenn ich das dann nicht schaffe, weil ich es beispielsweise gar nicht kann, bin ich unzufrieden. Begegnungen und Gespräche mit meinem Mann, vertrauten Freunden und auch mit für mich neuen Menschen helfen in solchen Fällen, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Down to earth!

Damn prejudices!
Ich wünsche mir eine Welt, in der alle Menschen vorurteilsfrei auf andere zugehen. In der sie Freude daran haben, sich anderen zu nähern und über ihre selbst gesteckten Hürden springen. In der sie besonders dann, wenn der erste Eindruck sie womöglich sogar instinktiv erschreckt oder sogar abstößt, bewusst dem Gegenüber nähern und so ihre Vorurteile sterben lassen, um sie beim nächsten Mal gar nicht mehr zu verspüren.

Ich weiß, dass dies hehre Wünsche sind, was sie aber nicht per se zu Unmöglichkeiten macht und mich schon gar nicht daran hindert, sie auszusprechen :-)

Dieser Beitrag lag mir eigentlich schon gestern Abend auf den Tastenfingern, aber er verschwand noch einmal in meinem Hinterkopf. Phönixgleich stieg er heute früh wieder auf. Dafür bin ich dankbar. Es hat mir gut getan, dies zu schreiben.

Buddhastatue in einem Garten

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