รberrascht, dass im Titel dieser Rezension das Genre Horror genannt ist? Mich zumindest hat der Horror-Anteil so sehr รผberrumpelt, dass ich den Roman auf Seite 220 abgebrochen habe. Aber das ist keineswegs ein Zeichen dafรผr, dass es sich hier um einen schlechten Roman handelt! Vielmehr eines, dass ich mit dem Inhalt nicht zurechtgekommen bin, da ich wenig harten Horror lese. Und so ist es eher als Empfehlung fรผr alle zu sehen, die mehr vertragen als ich :-)
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Titel: UNSER TEIL DER NACHT
Autorin: Mariana Enriquez
รbersetzung: Silke Kleemann & Inka Marter
Erschienen: 2022
Verlag: Tropen Verlag (Klett-Cotta)
Ausgabe: Hardcover mit Lesebรคndchen & Schutzumschlag, 832 Seiten, Euro 28, ISBN: 978-3-608-50161-2
Link zum Roman und zur Leseprobe beim Verlag
Ausnahmsweise Klappentext …
Dunkelheit und Licht, Grausamkeit und Liebe. Eine groรe Familiensaga in einem von Extremen geprรคgten Land. Mariana Enriquez fรผhrt uns durch die verschlungene Geschichte Argentiniens, hin zu den Abgrรผnden der Macht. Eine einzigartige Vater-Sohn-Geschichte, in der doch die Frauen alle Fรคden in der Hand halten.
Eigentlich vermeide ich das Zitieren von Klappentexten und fasse den Inhalt in meinen Buchbesprechungen in eigenen Worten zusammen. Hier aber ist die Inhaltsbeschreibung auf der Rรผckseite des Schutzumschlags zwar nicht inhaltlich falsch, aber sie sagt nichts darรผber aus, dass es sich bei diesem Roman um ein Genre-Stรผck aus der Sparte Phantastik handelt.
Ja – Juan fรคhrt mit seinem Sohn Gaspar durch Argentinien. Dass es sich bei dem Vater aber um ein hochrangiges Medium eines okkulten Zirkels handelt, fรผr die er in persona die Verbindung zur Welt der Dรคmonen รถffnet, sein Sohn sein Erbe antreten soll, selbst aber davon nichts weiร. Und dass die Mutter ganz und gar nicht ohne fremde Beihilfe kรผrzlich gestorben ist, wird nicht erwรคhnt.
Als mir das Buch das erste Mal unter die Augen kam, hatte ich die Information, dass es sich um einen phantastischen Roman handelt, bekommen. Wer aber im Buchhandel oder Internet am Buch vorbeikommt, erwartet vermutlich etwas ganz anderes als eine Story รผber einen Menschen-opfernden Orden, dessen Verbindung in das Reich der Schatten ganz klar keine Einbildung oder gar Mรคrchen ist.
Okkultismus in Argentinien
Mariana Enriquez schafft mit ihrem seitenreichen Roman einen literarischen Road Movie mit starkem Hang zu Okkultem. Kulte sind (weltumspannend) allgegenwรคrtig und die Autorin schreckt vor Grausamkeiten in ihrer Erzรคhlung nicht zurรผck. Im Gegenteil, mich haben Teile der Handlung so sehr beschรคftigt, dass ich nach einem Viertel entschieden habe, abzubrechen. Meinem Gemรผt hat dieses Buch leider nicht gut getan, obwohl (!) es mich in seiner Eindringlichkeit sehr fasziniert hat. Die aufkommenden Alptrรคume und Angst waren es dann aber nicht wert. Leicht ist mir die Entscheidung jedoch nicht gefallen.
Gaspar hatte den ganzen Morgen geweint, bis sie zum Frรผhstรผck heruntergegangen waren. […]
Er trรคumte von ihr, das wusste Juan; meistens trรคumte er, dass ihr Tod ein Traum war. Manchmal lieร Juan ihn allein weinen, manchmal setzte er sich schweigend zu ihm, manchmal wusch er ihm das Gesicht mit kaltem Wasser, aber nie wusste er so richtig, was er tun sollte.
Daher – ausdrรผcklich – Unser Teil der Nacht zeichnet eine tolle Atmosphรคre, vermischt dabei Zeit-, Gesellschafts- und Genreebenen miteinander. Vermutlich รคhnlich der Situation in einem modernen Argentinien, jedoch gehรถren hier Magie, Orden und Dรคmonen zur Wirklichkeit und nicht zur Mystik. Angesiedelt in den 1980er Jahren scheint Enriquez hier die Geschichte ihres Landes in Form eines brutalen Settings lebendig werden zu lassen.
Unser Teil der Nacht hat mit seinen Grausamkeiten meinen Level des Ertrรคglichen รผberschritten. Fรผr hartgesottene Horror-Fans kรถnnte es aber eine echte Perle sein, die nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen ist.
Weitere Rezensionen zum Buch in diesen Blogs:
Kaffeehaussitzer
Buch-Haltung

Der Klappentext ist hier aber wirklich unglรผcklich. Einerseits dรผrfte es dadurch vielen so gehen wie Dir, andererseits greifen so vielleicht gerade die Leser nicht zu dem Buch, die sich dafรผr interessieren wรผrden. Ich hรคtte jetzt maximal eine dรผstere Familiengeschichte erwartet, aber keinen Horror, weder das Cover noch der Klappentext deuten in diese Richtung.
Ja, daher hoffe ich, dass die Erwรคhnung in Rezensionen das Bild etwas gerade rรผckt. Es sind auch schon Horror-Fans aufmerksam geworden :-)