Zum Start der TV-Serien-Adaption der Hexer-Saga (The Witcher) ist eine Neuausgabe des fünf-bändigen Zyklus erschienen. Und diese kann sich sehen lassen mit ihrem Metallic-Effekt, haptisch schmeichelnder Prägung und einem rauem Lacküberzug. Das fühlt sich beim Lesen in der Hand richtig gut an. Aber das Äußere ist nur das Sahnehäubchen, das Innere zählt. Und das hat mich restlos begeistert. Ich presche vor, beginnen wir mit einer kurzen Zusammenfassung des Inhalts.

Willkommen in den Nördlichen Königreichen

Es scheint sicher: Geralt, der Hexer, der Weiße Wolf hat die Schlacht um Cintra gegen die Nilfgaarden nicht überlebt. Ein großer Verlust, der zudem bei der besonderen Macht der Hexer für viele unfassbar klingt. Eine große Niederlage. Aber es gibt weitere Gerüchte, die besagen, Geralt hätte doch überlebt. Und hätte außerdem noch die junge Thronerbin und einzige Überlebende der Herrscherfamilie Cirilla mit sich genommen. Es heißt, er würde sie versteckt halten an einem geheimen Ort der Hexer.

Tatsächlich ist an diesen Gerüchten einiges dran, Geralt erfreut sich an seiner Gesundheit und hat Ciri in Ausbildung gegeben. Zwar soll sie nicht mit den Giften behandelt werden, die einen Hexer zu dem machen, was er ist, jedoch wird sie im Kampf ausgebildet. Auch scheint sich eine Vermutung zu bestätigen, die sie als Vorherbestimmung ansieht. Gleichzeitig scheint sie von einer bösen Macht kontrolliert zu werden. Wer kontrolliert Ciri und welche Auswirkungen wird sie mit ihrer erstarkenden magischen Macht wirklich auf die Welt haben?

Und wieder eine Prophezeiung?!

Was möchten wir als Leser*innen von Fantasy-Literatur nicht mehr auf den Seiten eines Buches erleben? Eine sich durch einen jungen unbedarften Menschen erfüllende Prophezeiung, die die Rettung eines Reiches oder auch eines ganzen Planeten beinhaltet? Genau, also für mich zumindest gilt das. Im Klappentext von Das Erbe der Elfen klingt zunächst an, dass aber exakt dies auch in dieser Fantasy-Reihe im Vordergrund steht. Eine junge Frau könnte die Vorherbestimmung sein. Abgemildert allerdings mit einer recht groß scheinenden Ungewissheit, ob die junge Ciri nicht eventuell sogar das genaue Gegenteil für das Reich bedeuten könnte. Ob sie aufgrund ihrer ungewöhnlich großen magischen Fähigkeiten nicht eher eine Gefahr darstellt. Und handelt sie überhaupt selbst oder hat womöglich eine böse Macht sie in der Hand? Und schon ist die Aufmerksamkeit wieder geweckt, nicht wahr?

Jahrelang bin ich um die Hexer-Bände herumgeschlichen, habe immer wieder davon gehört, wie außerordentlich gut sie doch sein sollen. Da die Regeln für ein „gutes“ Buch aber unter anderem im Geschmack der jeweiligen Person festgemacht werden, habe ich die Lektüre seit Ende der 1990er vor mir hergeschoben. Damals erschienen mit Der letzte Wunsch und Das Schwert der Vorsehung die zwei Hexer-Kurzgeschichtenbände erstmals in deutscher Übersetzung. 2008 folgte dann auch der erste Band der Pentalogie Das Erbe der Elfen, das Autor Andrzej Sapkowski aber bereits 1994 in Polen veröffentlicht hatte.

Die unwiderstehliche Neuausgabe

Und dann kamen die News, der Hexer sollte als TV-Serie adaptiert werden. Unter dem Namen The Witcher, den Game-Adaptionen folgend, dennoch basierend auf den Romanen und Kurzgeschichten. Aber auch das Game habe ich nie gespielt (und auch sonst übrigens kein Game in den letzten 10+ Jahren). Da strahlte mich aber die Ankündigung einer Neuausgabe der Hexer-Saga aus der Vorschau des dtv Verlags an. Jetzt also nicht mehr länger warten, schließlich wollte ich die TV-Serie schauen und aber unbedingt (und endlich) vorher das Buch lesen. Mindestens das erste der Reihe!

Phantastische Überraschung – ich hätte es wissen sollen

Erwartet habe ich eine gute Fantasy-Story mit vielen Kämpfen, Magie und Monstern.

Bekommen habe ich viel mehr als einfach nur eine gute Story. Denn Sapkowskis Schreib- und Erzählstil hat genau meinen Nerv getroffen. Ich wusste nach wenigen Seiten, dass dies ein gutes Buch ist. Ein richtig gutes Buch! Nach meinen Maßstäben natürlich. Fasziniert hat mich beispielsweise Sapkowskis Stilmittel in wörtlicher Rede auf Geschehnisse zu reagieren und diese damit indirekt zu beschreiben. Klingt kompliziert? Ist es nicht und dazu ausgesprochen reizvoll.

Auch überrascht hat mich, wie wenig Geralt im Vordergrund dieses Romans steht. Wie wenig Monsterkloppereien vorkommen. Und wie sehr die weiblichen Figuren im Mittelpunkt sind. Geralt tritt regelrecht nach hinten, in die Schatten. Ciri ist die Protagonistin dieses ersten Teils, das liegt ganz klar auf der Hand. Geralt wiederum zeigt sich als überaus einfühlsamer und zerrissener Charakter, überhaupt habe ich kaum Schwarz-Weiß-Malerei im Text gefunden. Welch positive Überraschung, ich begann Seite um Seite mehr zu verstehen, warum diese Reihe schon so lange von vielen Lesenden gelobt wird.

Die kleinen Menschen, Elfen, Zwerge, Halblinge, Gnomen, Halbelfen, Viertelelfen und Knirpse rätselhafter Herkunft kannten und akzeptierten keine gesellschaftlichen und Rassenschranken. Vorerst.Das Erbe der Elfen, S. 15

Diesem ersten Band der Hexer-Saga fehlt die Oberflächlichkeit etlicher anderer (nicht aller!) Fantasy-Romane. Was für eine Wohltat. Das Erbe der Elfen bringt wenig actionreiche Handlung mit sich, dafür aber Handlung, die einen emotional an die Figuren bindet. Eine Welt, in der es Konflikte zwischen Menschen und Nicht-Menschen gibt, in der Frauen unwürdige Regeln auferlegt werden. Eine Welt, die ihre Natur mit Füßen tritt und in der all diese Punkte nicht als gegeben hingenommen, sondern hinterfragt, kritisiert und auf den Tisch gebracht werden.

Jede von uns muss sich entscheiden, was sie sein will – Zauberin oder Mutter. Ich fordere, dass alle Adeptinnen sterilisiert werden. Ohne jede Ausnahme. Tissaia de Vries, Die vergiftete QuelleDas Erbe der Elfen, S. 316

All dies hat meinen ersten Ausflug in die Nördlichen Königreiche zu einer besonderen und nicht erwarteten Erfahrung gemacht. Für mich eins der Highlights der Fantasyliteratur. Ich wage einen Vergleich mit Robin Hobbs Weitseher-Zyklus, der ebenso ruhig und doch mächtig daherkommt.

„Wir alle sind Kinder von Mutter Erde“, ertönte leise die Stimme des grahaarigen Druiden. „Wir sind Kinder von Mutter Natur. Und obwohl wir unsere Mutter nicht achten, obwohl wir ihr manchmal Kummer und Schmerz zufügen, obwohl wir ihr das Herz brechen, liebt sie uns, liebt sie uns alle. […]Das Erbe der Elfen, S. 29

DAS ERBE DER ELFEN. DIE HEXER-SAGA 1 von ANDRZEJ SAPKOWSKI

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Erschienen am 20. September 2019 im dtv Verlag (Link auch zur Leseprobe)
 Seiten, Softcover, Euro 15, ISBN 978-3-8369-5910-0
Band 1 von 5 (alle Bände sind bereits in der Neuausgabe erschienen)
Übersetzt aus dem Polnischen von Erik Simon

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