Wรคhrend nach zunรคchst scheinbar erfolgreichem Terraforming die Entwicklung des Planeten von der im Orbit stationierten Raumstation Grand Central beobachtet wird, hรคlt Lincoln als Parkwรคchter auf der Planetenoberflรคche die Stellung. Als dieser eine Art Denaturierung der von den menschlichen Beeinflussern erschaffenen kรผnstlich-natรผrlichen Welt entdeckt, bricht die Verbindung zur Station ab. Diese hatte gerade noch die Position des Ursprungs des sich offenbar sphรคrisch ausbreitenden Phรคnomens ausmachen kรถnnen. Lincoln macht sich auf zu diesem Zentrum. Quer durch die von merkwรผrdigen geometrischen Auswรผchsen geprรคgte Landschaft. Einzig die Fauna scheint von der Formverรคnderung nicht betroffen zu sein.
Drei Farben. Drei Welten. Drei Dimensionen.

Dรคmmerung beginnt ungewรถhnlich mit einem achtseitigen Prolog, untertitelt in rรถmischen Ziffern, in satten Neongelb-Tรถnen und berichtet vom Schรถpfungsprozess. Wortlos erzรคhlen die Panels vom Eingriff in die weite einzig von Gras bewachsene Landschaft. Von einer kleinen fliegenden Kugel wird der Boden gewaltsam aufgeschnitten, Erhรถhungen geformt und Saat ausgebracht. Saat, die Leben auf dem gelben Planeten entstehen lassen soll. Einzellern folgen Mehrzeller. Flora und Fauna ensteht. Die artifizielle Erschaffung von Natรผrlichkeit gelingt auf Planet und in Panels gleichermaรen flรผssig und bietet einen guten Einstieg in das Szenario.
Es folgt das schwarze Vorsatzpapier, um einen Kameraschwenk in die Gegenwart und somit eine neue Farbwelt einzuleiten. Jeremy Perrodeau verwendet drei dieser Farbwelten in seinem Comic: gelb, rot und blau. Und jede steht fรผr eine der betrachteten Dimensionen. Dabei bleiben diese nicht voneinander getrennt, sondern haben Bezรผge untereinander, beeinflussen sich und bilden am Ende die Grundlage fรผr einen gut konzipierten Kreis in der Erzรคhlung.
Freirรคume
Zeichnerisch ist Dรคmmerung neu und aufwรผhlend mit seinem grafischen Minimalismus. Was wie ein Widerspruch in sich klingt, fasziniert gerade durch seine stilisierte Form. Perrodeaus handelnde Figuren haben keine Gesichter, bewegen sich statisch und doch sind alle gut voneinander zu unterscheiden. Beim Lesen bin ich oft lรคnger in den einzelnen Panels hรคngengeblieben, verspรผrte groรe Lust darin, jede Einzelheit auf den Seiten in mich aufzunehmen. Auf den ersten Blick sieht alles so wenig aus und enthรคlt dann aber soviel.

Raumgleiter, die so leicht wirken wie Papierflieger. Eine Story, die viel Freiraum fรผr eigene Gedanken lรคsst. Eine (fรผr mich) hรถrbare psychedelische Musik, die den surrealeren Teil nach der ersten Hรคlfte begleitet und in meinem Kopf entsteht. Ein Planet, der mit Abstoรungsreaktionen auf die gewaltsame Beeinflussung zu reagieren scheint. Ein fehlgeschlagenes Experiment? Zeit- und Dimensionssprรผnge und ein Ende, das mich noch Tage nach der Lektรผre nachdenken lรคsst, ob ich es eigentlich verstanden habe, und zugleich einen kreisrunden Bezug herstellt.
All das sind Elemente, die Dรคmmerung fรผr mich zu einem hervorragenden Comic machen. Ungewรถhnlich, herausfordernd und Kopf-im-Musik-erzeugend. Verpackt in einen weichen, flexiblen und haptisch warmen, dadurch natรผrlich wirkenden Umschlag, gedruckt auf matten Seiten – all das im Kontrast zur Kรผnstlichkeit. Im Gesamtkonzept phantastisch!
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Weitere Meinungen zum Comic findet ihr zum Beispiel hier:
Nerd mit Nadel
Weiterhin war Dรคmmerung meine Empfehlung im Podcast 3 Frauen. n Comics. Der Comicklatsch. Folge 24

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