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Comicrezension / Auch für Comic-Einsteiger

Der König der Vagabunden – Bea Davies & Patrick Spät [Graphic Novel]

Comic in schwarz-weißer Optik auf einem Hintergrund aus Pflastersteinen

Gregor Gog und seine Bruderschaft

Am 7. November 1891 in Schwerin geboren, ist Gog lebenslang ein Getriebener. Getrieben von seiner Lust am Entdecken der Welt. Von seiner inbrünstigen Hingabe sich für Gerechtigkeit und gegen Unterdrückung einzusetzen. Als ehemaliger Ministrant wendet er sich von der Kirche und damit auch seiner Mutter ab, sieht für sich keine Zukunft in diesem stagnierenden Lebens-Modell. Er geht nach Wilhelmshaven, heuert 1910 bei der Marine an und wird schließlich 1914 zum Kriegsdienst eingezogen.

© Bea Davies & Patrick Spät / Avant Verlag

Als Befehlsverweigerer (er kann eben nicht über seinen Schatten springen – gut so!) wird Gregor Gog als Meuterer verurteilt und landet 1917 in einer Irrenanstalt. Mit Ende des 1. Weltkriegs wird er entlassen und findet sich wie zahllose andere völlig mittellos auf der Straße wieder. Gog hält sich mit Jobs über Wasser, wird Vater, findet einen Freund in Erich Mühsam und begegnet unter anderem auch den als Wanderprediger bekannten Männern Gusto Gräser und Gustav Nagel. Gregor Gog kann mit diesem alternativen Weg aber nichts anfangen und wendet sich abermals ab, geht auf Wanderschaft.

Seine Begegnung mit Jo Milhaly und Hans Tombrock, die ihn nach Berlin begleiten, geben seinem zukünftigen Vorhaben Nachdruck. Und so gründet er 1927, zurückgekehrt nach Stuttgart, die Internationale Bruderschaft der Vagabunden. Gregor Gog wird Chefredakteur der ersten Straßenzeitung Europas Der Kunde und fortan von der Presse als König der Vagabunden betitelt, der anarchistische Reden hält, politische Treffen organisiert und Stuttgart zu einer Art Hochburg der Vagabunden-Gemeinschaft macht. Ein vielbeschäftiges und einflussreiches Leben …

Gegen Ungerechtigkeiten

Der König der Vagabunden entstand in Zusammenarbeit des Szenaristen Patrick Spät und der Comiczeichnerin Beatrice Davies und kam 2019 unter die Finalisten des Comicpreises der Berthold Leibinger Stiftung. Interessant ist auch das Zusammenspiel mit Jan Bachmanns Der Berg der nackten Wahrheiten (Link zu meiner Rezension), das von Gusto Gräser und der vegan lebenden FKK-Kommune auf dem Monté Verita aus Sicht einer Ziege berichtet. Auch wenn die beiden Comics weder zeichnerisch noch hinsichtlich des Charakters der Erzählung Ähnlichkeiten aufweisen (der Hinweis auf die Ziege spoilert es schon), bieten sie dennoch jeweils einen weiterführenden Einblick in die Geschehnisse.

Mit dieser Graphic Novel über Gregor Gog hat das Autoren-Duo eine Leerstelle gefüllt, da es bisher keine einzige Biografie über den sich den gesellschaftlichen Zwängen so widerstrebenden Mann gab. Sie haben gut daran getan, über das Leben und Wirken Gogs zu schreiben und zu zeichnen, stand doch die Bruderschaft der Vagabunden für Menschlichkeit ein, widersprach Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten.

Die Bruderschaft der Vagabunden betrachtete alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder sexueller Orientierung – als ihre Schwestern und Brüder. Sie solidarisierten sich mit Homosexuellen und “Zigeunern” und lehnten Kriege ebenso rigoros ab wie Staatsgrenzen und autoritäre Hierarchien. Die Idee des weltweiten Vagabundentums stand also in scharfem Kontrast zur Blut-und-Boden-Ideologie des NS-Faschismus.

Bea Davies & Patrick Spät – Der König der Vagabunden / Nachwort S. 149 / Avant Verlag

Über das Leben eines umtriebigen Menschen in einem Comic zu berichten, ist eine Herausforderung – da nun einmal die Anzahl der Seiten begrenzt ist und vieles komprimiert werden muss. Da die Story sich nicht auf wenige Jahre konzentriert, gibt es viele Sprünge, die sie oft bruchstückhaft wirken lassen. Es entsteht kein wirklicher Lesefluss, eher reihen sich Begebenheiten und Orte aneinander, wobei einzelnen sehr persönliche Szenen dann wiederum recht viel Platz eingeräumt wird, dabei aber oberflächlich bleiben – so beispielsweise der Begegnung und Reise Gogs mit Jo und Hans. Trotzdem konnte der Funke bei mir nicht so recht überspringen, ich fühlte mich hin- und hergerissen zwischen Fakten und “Privatem”. So habe ich zwar die ausdrucksstarken Schwarzweißzeichnungen Davies’ genossen, mich aber im Szenario nicht vollends zu Hause gefühlt.

Leseprobe
© Bea Davies & Patrick Spät / Avant Verlag
© Bea Davies & Patrick Spät / Avant Verlag

Gerne hätte ich auch mehr über die Biografien der im Anhang mit Kurzportraits bedachten Personen (Jo Mihaly und Hans Tombrock) erfahren, was aber den eh schon knappen Rahmen wohl letztendlich gesprengt hätte. Im 6-seitigen und umfangreichen Nachwort finden sich dafür weiterführende Details, Originalfotografien und Hintergründe über das Schaffen Gogs im Umfeld der Weimarer Republik.

Für mich hätte Der König der Vagabunden weniger Sachlichkeit und an einigen Stellen mehr Tiefe beinhalten können. Dennoch bietet die Graphic Novel eine fundierte und gut aufbereitete Biografie, die den Einstieg für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema bieten kann.

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DER KÖNIG DER VAGABUNDEN
Gregor Gog und seine Bruderschaft
Patrick Spät
Bea Davies
erschienen im Oktober 2019 im Avant Verlag
160 Seiten, schwarzweiß, Hardcover
ISBN 978-3-96445-015-9
25 Euro
Geeignet für Comiceinsteiger*innen
Erhalten als kostenfreies Rezensionsexemplar
Cover zeigt Gregor Gog und im hintergrund viele Köpfe
© Bea Davies & Patrick Spät / Avant Verlag

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