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Dämmerung von Jeremy Perrodeau [Graphic Novel]

Comiccover darüber ein Stein und eine Pflanze

Während nach zunächst scheinbar erfolgreichem Terraforming die Entwicklung des Planeten von der im Orbit stationierten Raumstation Grand Central beobachtet wird, hält Lincoln als Parkwächter auf der Planetenoberfläche die Stellung. Als dieser eine Art Denaturierung der von den menschlichen Beeinflussern erschaffenen künstlich-natürlichen Welt entdeckt, bricht die Verbindung zur Station ab. Diese hatte gerade noch die Position des Ursprungs des sich offenbar sphärisch ausbreitenden Phänomens ausmachen können. Lincoln macht sich auf zu diesem Zentrum. Quer durch die von merkwürdigen geometrischen Auswüchsen geprägte Landschaft. Einzig die Fauna scheint von der Formveränderung nicht betroffen zu sein.

Drei Farben. Drei Welten. Drei Dimensionen.

© Jeremy Perrodeau / Edition Moderne

Dämmerung beginnt ungewöhnlich mit einem achtseitigen Prolog, untertitelt in römischen Ziffern, in satten Neongelb-Tönen und berichtet vom Schöpfungsprozess. Wortlos erzählen die Panels vom Eingriff in die weite einzig von Gras bewachsene Landschaft. Von einer kleinen fliegenden Kugel wird der Boden gewaltsam aufgeschnitten, Erhöhungen geformt und Saat ausgebracht. Saat, die Leben auf dem gelben Planeten entstehen lassen soll. Einzellern folgen Mehrzeller. Flora und Fauna ensteht. Die artifizielle Erschaffung von Natürlichkeit gelingt auf Planet und in Panels gleichermaßen flüssig und bietet einen guten Einstieg in das Szenario.

Es folgt das schwarze Vorsatzpapier, um einen Kameraschwenk in die Gegenwart und somit eine neue Farbwelt einzuleiten. Jeremy Perrodeau verwendet drei dieser Farbwelten in seinem Comic: gelb, rot und blau. Und jede steht für eine der betrachteten Dimensionen. Dabei bleiben diese nicht voneinander getrennt, sondern haben Bezüge untereinander, beeinflussen sich und bilden am Ende die Grundlage für einen gut konzipierten Kreis in der Erzählung.

Freiräume

Zeichnerisch ist Dämmerung neu und aufwühlend mit seinem grafischen Minimalismus. Was wie ein Widerspruch in sich klingt, fasziniert gerade durch seine stilisierte Form. Perrodeaus handelnde Figuren haben keine Gesichter, bewegen sich statisch und doch sind alle gut voneinander zu unterscheiden. Beim Lesen bin ich oft länger in den einzelnen Panels hängengeblieben, verspürte große Lust darin, jede Einzelheit auf den Seiten in mich aufzunehmen. Auf den ersten Blick sieht alles so wenig aus und enthält dann aber soviel.

© Jeremy Perrodeau / Edition Moderne

Raumgleiter, die so leicht wirken wie Papierflieger. Eine Story, die viel Freiraum für eigene Gedanken lässt. Eine (für mich) hörbare psychedelische Musik, die den surrealeren Teil nach der ersten Hälfte begleitet und in meinem Kopf entsteht. Ein Planet, der mit Abstoßungsreaktionen auf die gewaltsame Beeinflussung zu reagieren scheint. Ein fehlgeschlagenes Experiment? Zeit- und Dimensionssprünge und ein Ende, das mich noch Tage nach der Lektüre nachdenken lässt, ob ich es eigentlich verstanden habe, und zugleich einen kreisrunden Bezug herstellt.

All das sind Elemente, die Dämmerung für mich zu einem hervorragenden Comic machen. Ungewöhnlich, herausfordernd und Kopf-im-Musik-erzeugend. Verpackt in einen weichen, flexiblen und haptisch warmen, dadurch natürlich wirkenden Umschlag, gedruckt auf matten Seiten – all das im Kontrast zur Künstlichkeit. Im Gesamtkonzept phantastisch!

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DÄMMERUNG
Jeremy Perrodeau
übersetzt aus dem Französischen von Christoph Schuler
erschienen 2020 im Verlag Edition Moderne
144 Seiten, farbig (Neonfarben), Flexcover
ISBN 978-3-03731-197-4
32 Euro
Erhalten als kostenfreies Rezensionsexemplar
Meine Meinung ist davon unbeeinflusst, was sonst.

Weitere Meinungen zum Comic findet ihr zum Beispiel hier:
Nerd mit Nadel
Weiterhin war Dämmerung meine Empfehlung im Podcast 3 Frauen. n Comics. Der Comicklatsch. Folge 24

© Jeremy Perrodeau / Edition Moderne

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