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Literatur

Der Defekt von Leona Stahlmann

Türkisfarbenes Buch auf dem Cover eine Brennnessel auf einem silbernen Bilderrahmen

Mina. Vetko. Als sie sich näher kommen, ist dies für die junge Mina der Beginn eines neuen Weges. Zusammen mit dem bereits volljährigen Vetko entdeckt sie ihre Sexualität, gerade als diese überhaupt in ihrem Leben beginnt eine Rolle zu spielen. Aber es ist alles so anders. Anders als bei Minas Freundinnen. Anders als Mina es aus deren Erzählungen kennt. Mina liebt anders, hat Gefallen an Vetkos Dominanz, gibt sich den Entdeckungen und Aufregungen dieser jungen Liebe hin. Und ist das denn überhaupt – Liebe? Wenn doch um sie herum, diese ganz anders definieren und erleben? Mina ist sich nicht sicher, ob es da nicht einen Defekt gibt. In ihr selbst, tief verankert. Sie scheint nicht dazuzugehören – zur Gemeinschaft.

Entdecken des “Defekts”

Der Defekt ist Leona Stahlmanns Romandebüt und zugleich hatte die Lektüre für mich etwas von einem Debüt. Denn selten habe ich jemanden so sanft und eindringlich über Sexualität schreiben sehen. Fast jeder Satz in diesem Roman fühlt sich wie ein kleines literarisches Kunstwerk an, so viele Bilder stecken in jedem einzelnen.

Drinnen war es kühl mit einem vertrauten Muff von dunklen Holzmöbeln und Hängeleuchtern aus skelettfarbigen Hirschgeweihen, und am frühen Abend, wenn die Fliegen von außen an den Fensterecken klumpten, tropfte das Licht gelb und ölig wie geklärte Butter auf den Boden in der Bibliothek.

Der Defekt S. 44 © Leona Stahlmann / Kein & Aber Verlag

Diese Flut kann dazu führen, dass einem beim Lesen selbst die Luft wegbleibt, das Gefühl aufsteigt, in lauter Bildern zu ertrinken. Dann ist eine kleine Pause hilfreich. Ich brauchte die ein oder andere Pause, die jedoch die Wirkung des Textes auf mich nur bestärkten. Besonders zu Beginn des Romans drang eine sehr harmonisch klingende Textmelodie in meinen Kopf. Eine meiner Notizen, die ich mir während des Lesens anlegte:

“[S. 48-49] Sätze, Worte, Absätze bilden beim Lesen eine perfekte Melodie. Während des Lesens schwinge ich selbst im Rhythmus der Worte mit.”

Leona Stahlmann schreibt in diesem Roman über Zugehörigkeit, dem Gefühl von Heimat und dem Umgang mit unpopulärer Sexualität. Über die Lust am Schmerz, über das Alleinsein mit seinen Gefühlen und über das Entdecken, das Suchen und das Wiederfinden. Dabei ist der Text teils schroff wie die Krusten auf Minas Narben und gleichzeitig sanft und liebevoll in den Szenen der Dominanz und Unterwerfung. In dem Erleben des lustvollen Schmerzes, der freiwilligen Hingabe und dem Empfangen derselben.

Der Defekt war ein besonderes Leseerlebnis für mich, mit Ups und Downs und einer deutlich hörbaren Textmelodie. Ich hoffe, dass der Roman viele Köpfe für das Thema öffnet und die möglicherweise bestehenden Vorurteile (noch)mal so richtig ausfegt aus den staubigen Ecken. Damit das Gefühl des Alleinseins, das des Defektes endlich bei allen eine Chance hat zu verschwinden.

An der Bar bediente eine ältere Frau, ich habe mir einen Wein bestellt, sie hat mich scharf angesehen und sich und mir zwei Schnäpse eingegossen. Ich habe sie gefragt, was die Leute dort gemacht haben, bevor es das Internet und Plätze wie diese gab. “Die Mutigen”, hat sie geantwortet, “haben Zeitungsannoncen aufgegeben. Die meisten von uns waren allein.”

DER DEFEKT S. 252 © LEONA STAHLMANN / KEIN & ABER VERLAG

DER DEFEKT von LEONA STAHLMANN
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Erschienen am 11. Februar 2020 im Kein & Aber Verlag (Link)
272 Seiten, ISBN 978-3-0369-5821-7, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 22 Euro

Dieses Buch habe ich als kostenfreies Rezensionsexemplar erhalten.
Meine Meinung ist davon völlig unbeeinflusst.

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2 Comments

  • Avatar
    Pink Anemone
    30. April 2020 at 20:24

    Oje, ich denke das ist doch kein Buch für mich.
    Es klingt in Deiner Rezension zwar durchaus interessant, aber sobald es um Sexualität und dem Entdecken dieser geht, bin ich raus.
    Keine Ahnung, ob ich von so manchen Romanen, welche dieses Thema bis zum Erbrechen ausschlachten, traumatisiert bin (z.B. Fifty Shades of Grey – jaaa, ich habe das echt gelesen – in dem es um BDSM gehen soll und es im Grunde nur billig hingerotze Erotik-Romantik-Grütze ist, in der eine toxische Beziehung in den Himmel gelobt und Stalker-Allüren als romantsich verkauft werden).
    Aber siehst, jetzt weißt Du was ich gemeint habe, mit Cover und Inhalt ;-)
    Vielleicht ziehe ich mir aber noch eine Leseprobe rein, denn man weiß ja nie ^^

    Liebe Grüße
    Conny

    Reply
    • booknapping
      booknapping
      1. Mai 2020 at 20:52

      Hi Conny
      Nicht jedes Buch passt zu jedem Menschen und vor allem auch nicht zu jeder Stimmung. Allerdings kann ich auch einen (möglichen) Vergleich mit 50shades nicht so stehen lassen. Das wäre als würde man Eis mit glühender Lava vergleichen :-D Trotzdem kann es sein, dass “Der Defekt” nicht für dich passt. Das ist auch absolut in Ordnung :-*
      Liebe Grüße
      Sandra

      Reply

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