Pierre hatte eine Obzession fรผr die Vals Therme im schweizerischen Kanton Graubรผnden, schrieb seine Abschlussarbeit unter Betreuung seines Architekturprofessors Harari. Als Hararis Sohn ebenfalls ein groรes Interesse an dem meisterlichen Thermenbau des Architekten Peter Zumthor zu entwickeln begann, erzรคhlte ihm sein Vater gerne von Pierre. Vater und Sohn reisten sogar zusammen in die Schweiz. Pierre geriet in Vergessenheit. Einige Zeit spรคter jedoch, im November 2013, trifft der Architekturprofessor Harari plรถtzlich wieder auf seinen ehemaligen Studenten. Pierre berichtet ihm aufgeregt von seinen Plรคnen, erneut nach Vals zu reisen. Er sei auf das Geheimnis des Baus gestoรen und mรผsse diesem nun endgรผltig auf den Grund gehen. Der junge Mann bricht kurz danach seine Zelte in Paris ab, legt sein komplettes bisheriges Leben auf Eis und macht sich auf den Weg in das verschlafene Bergdorf Vals. Neben Zumthors Therme erwartet ihn eine Legende nach der sich der „Berg“ alle 100 Jahre รถffnet und jemanden in seinen Tiefen verschlingt …
Die Moderne in der Edition Moderne
Ob es wohl je einen Comic gegeben, der besser in das Programm des Schweizers Verlag gepasst hat alsย Der Magnet? Schwer vorstellbar. Denn der Autor Lucas Harari erzรคhlt seine Graphic Novel mit typischen Stilmitteln der Moderne.ย Zwar verzichtet er auf die Farbe gelb, hรคlt sich aber sonst strikt an den Kanon ausschlieรlich mit den Grundfarben zu arbeiten. Neben rot und blau, gibt es nur schwarz und weiร. Auรerdem Schattierungen, Mischungen, aber stets bleiben die Farben sich selbst treu und ergeben nicht etwa braun oder violett. Auch sind Hararis Konturen breit, schwarz und zumeist kantig – passen also ebenso perfekt in das Bild derย Moderne. Wer sich noch nicht viel mit dieser Kunstepoche beschรคftigt hat, mag zum Vergleich vielleicht einen Blick in meinen Beitrag zuย Dann kam de Stijl von Joost Swarteย werfen, einem illustrierten Buch รผber die Kรผnstler*innen der Moderne.
Harari visualisiert in den genannten wenigen Farben eine mystische, spannende und zugleich ruhig erzรคhlte Geschichte. Passend zum geradlinigen, vรถllig schnรถrkelfreien Stil des im Mittelpunkt des Szenarios stehenden Gebรคudes – der Vals Therme – wรคhlte er den รคquivalenten Kunststil. Breite schwarze Konturen, wenige Details, mehr Ecken und Kanten als Rundungen.
Eine optische Textur liegt auf seinen Flรคchen, gibt diesen dadurch einen leicht krisseligen Effekt, der wiederum mit dem matten und leicht rauhen Papier eine Homogenitรคt eingeht, die mir wohlige Schauer รผber den Rรผcken jagte. Panels gehen ineinander รผber, die Handlung verschwimmt stellenweise, ganz รคhnlich wie auch Pierres Erfahrungen wenn er sich in der Therme befindet. Sieht er gerade noch eine รffnung in der Wand, ist sie beim nรคchsten Blick verschwunden. Ob der Autor uns Lesende hier bewusst in eine รคhnliche Situation bringen wollte? Selbst Comicerfahrenen kann es passieren, sich fehlleiten zu lassen, sortiert Harari die Texte doch oft streng an die Rรคnder seiner nicht immer klar abgegrenzten Panels. Zurรผckzufinden in den Lesefluss ist trotzdem leicht. Ganz wie Pierre bin ich manchmal an den falschen Stellen der Story gefolgt, habe mich sozusagen „verlaufen“. Und das bei so viel Klarheit und Geradlinigkeit in den Zeichnungen. Alles scheint deutlich und sichtbar und doch … stecken Geheimnisse und verborgene Dinge in dem Gebรคude. Eine wirklich interessante Parallele, die mir erst nach dem Lesen so recht bewusst wurde.
Schรถnschreibรผbungen
Das Handlettering bietet in seiner Schreibschrift-Optik mit vielen Rundungen einen schรถnen Kontrast zum sonst so geraden Stil der Illustrationen. Das Szenario ist mysteriรถs, fast nicht „zu begreifen“ und folgt damit den zu den Bildern konstrastierenden „Schรถnschrift“-Texten. Spannend von Seite eins bis ans Ende, sogar darรผber hinaus. Visualisierung und Story bilden hier in perfekter Harmonie eine Einheit. So muss ein Comic sein, um mich nachhaltig zu beeindrucken. Mir im Gedรคchtnis haften zu bleiben.
Ich mรถchteย Der Magnet allen Lesenden empfehlen, die sich auf eine mehrere Sinne einnehmende Reise begeben mรถchten. Kaum jemand wird sich in allen Themen, die in der Graphic Novel berรผhrt werden, zu Hause fรผhlen. Architektur, Kunst, Spannungsliteratur, Comic, Illustrationen, Folklore und ein Hauch des Mysteriรถsen. Aber genau das macht diesen Band aus. Er kann den Horizont erweitern, auf neue Themen neugierig machen. Er kann beruhigen mit seinen klaren Formen und Eindrรผcken der stillen Landschaften, wie auch beunruhigen mit der unheilvollen, und teils unheimlichen Atmosphรคre. Ein Highlight in bibliophiler Aufmachung mit Halbleinenbindung, in groรem Format, das mich auf so viele Arten bewegen konnte. Ein Buch, das sich lohnt verschenkt zu werden. Ruhig auch an Wenig- oder Nicht-Comicleser*innen. Sie kรถnnten Gefallen am Genre finden …
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Der Magnet
Szenario / Artwork von
Lucas Harari
รbersetzt aus dem Franzรถsischen von Christoph Schuler
Originaltitel: L’aiment
Genre und Leseprobe
Comic. Graphic Novel. Architektur. Krimi. Mystery
Eine Leseprobe gibt es hier beim Verlag Edition Moderne
Noch ein paar Details
Am 30. August 2018 erschienen im Verlag Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-182-0, 144 farbige Seiten, Hardcover, Euro 32
Die Therme Vals wurde 1996 nach dem Design Peter Zumthors errichtet. Das Gebรคude ist weiterhin ein รถffentlich zugรคngliches Thermalbad – heute unter dem Namen „7132 Therme“ (Link) und sollte ich je in die Nรคhe kommen, werde ich dort baden gehen. Ganz sicher mit einem mulmigen Gefรผhl und erfรผllt mit den Gedanken an diese Geschichte Lucas Hararis.
Unbedingt empfehlenswert ist die vom SRF produzierte Dokumentation รผber den Comic und Kรผnstler. Der Link zum Video findet sich auf der Webseite des Verlags Edition Moderne (Link).
Gelesen …
… in der verschnรถrkelten und unaufgerรคumten Leseecke
Eine weitere Rezension im Blog von:ย Nerd mit Nadel (Link)
Den Comic habe ich als kostenfreies Rezensionsexemplar erhalten.
Meine Meinung ist davon vรถllig unbeeinflusst.





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