The Man Who Took Trains

Unter diesem Titel wurde Boschwitz‘ Roman 1939 in England erstmals veröffentlicht. In einer vom Originalmanuskript ins Englische übertragenen Fassung erzählt der Autor die Geschichte von Otto Silbermann. Einem jüdischen Kaufmann, der im Zuge der Novemberpogrome seine Wohnung, sein eigenes Haus, seine Familie und damit im Grunde sein gesamtes Leben zurücklässt, um eben dieses zu retten. Um nicht deportiert zu werden. Und dann wahrscheinlich niemals zurückzukehren – ins Leben. Mit Der Reisende erscheint im Jahr 2018 die allererste deutschsprachige Fassung.

Aber das kann doch nicht sein! Man holt doch keine unbescholtenen Bürger aus seinen Wohnungen heraus! Das kann man doch nicht!« Er schwieg. Doch, kann man, dachte er dann, man kann.“
Der Reisende, S. 25

Silbermann macht sich notgedrungen auf den Weg seiner Flucht und bewegt sich in Zügen quer durch Deutschland. Dabei sind seine Aktentasche mitsamt eines fünfstelligen Betrags in Geldscheinen. Seine Angst. Seine Gedanken. Sein in den Grundfesten erschüttertes Vertrauen in Freunde, Bekannte, Geschäftspartner, sogar in die Familie und das Land, das seine Heimat ist. Das Land, dem er im ersten Weltkrieg diente, für das er kämpfte und das nun ihn selbst zu bekämpfen scheint. Alleine seiner Herkunft wegen. Weil er Jude ist.

Markierungen. Notizen.

Als ich dieses Buch las, fürchtete ich, dass ich all meine Gefühle und Empfindungen nicht würde in eine Rezension zwängen können. Dass ich wichtige Stellen vergessen könnte zu erwähnen. Dass ich auswählen müsste aus all den vielen Sätzen, Aussagen, Geschehnissen, wenn ich darüber würde berichten wollen – einen Versuch starten wollte, dieses Buch zu „bewerten“. Also machte ich in der digitalen Version, die sich auf meinem eBook-Reader befand, Notizen und Markierungen. Viele. Sehr viele. Denn dieses Buch schreit danach, markiert zu werden. Es ruft auf so vielen Seiten Dinge aus, die einem die Wahrheit vor Augen halten. Die erschreckend immer wieder bewusst machen, wie sehr einzelne Geschehnisse genau so in unsere heutige Zeit passen. Wie „nah“ wir dem sind. In dieser unseren Gegenwart, in der die echten Zeitzeugen aus dieser überaus schrecklichen Epoche Deutschlands immer weniger werden, die Schrecken zu verblassen scheinen und diskriminierende und menschenverachtende Stimmen stets lauter werden. In einer Zeit, in der Grenzen für verfolgte, ausgegrenzte und vom Tod bedrohte Menschen einfach dicht gemacht werden. In der Köpfe einfach verschlossen, von einigen Menschen Dinge nicht hinterfragt und Wahrheiten verleugnet werden. Ebenso wie damals. In der Zeit, von der Ulrich Alexander Boschwitz in diesem Roman erzählt. Die Zeit, in der der Autor lebte.

Durch ein technisches Problem und meine Dusseligkeit in einem solchen Moment nicht sofort zu reagieren, sind mir alle meine Notizen und zu digitalen Buchstaben gewordenen Gedanken abhanden gekommen. Ich brauchte allerdings nur wenige Sätze, es reichte sogar das vom Herausgeber Peter Graf verfasste Nachwort, mich wieder zu erinnern.

Mich zu erinnern …

An die Fassungslosigkeit Silbermanns gegenüber der Arroganz und plötzlichen Abneigung ihm gegenüber, ausschließlich seiner jüdischen Herkunft wegen.
An die Verzweiflung des Kaufmanns einen Weg ins Ausland zu finden, selbst wenn er seine letzten finanziellen Mittel dafür geben müsste.
An die Gefühle, auf seiner Reise als Jude „enttarnt“ und damit womöglich interniert, ins KZ verbracht zu werden, wie es anderen wiederfahren ist.
Daran, womöglich nie wiederzukehren. Ins Leben.

„Wer in Frieden lebt, kann sich den Krieg gar nicht vorstellen, das ist bekannt.“
Der Reisende, S. 153

An die Enttäuschung in das Land, in dem er verfolgt wurde, zurückgehen zu müssen, da das belgische Militär ihn nach dem Grenzübertritt fasste und er im Grunde noch froh sein musste, nicht an die deutsche Grenzpolizei ausgeliefert worden zu sein.
An die Entwicklung Otto Silbermanns. Im Laufe dieser doch nur kurzen Reise von einigen Tagen seine eigene Persönlichkeit zu verändern, sich in jemanden zu „verwandeln“, der sich fragt, ob es nicht eigentlich sogar richtig sei die Juden zu verfolgen. So wie DIE sich verhalten …
An die fortwährend und zunehmend bedrückende Situation, die den Reisenden schlussendlich verrückt werden zu lassen schien.

80 Jahre

2018 jähren sich die Novemberpogrome zum achtzigsten Mal. Dies ist ein Grund, dieses Buch zu lesen. Aber nur einer. Ganz sicher nur einer unter vielen. Er hilft dabei sich Zeit zu nehmen. Fürs Erinnern. Und fürs Reflektieren.

Geschrieben hat Ulrich Alexander Boschwitz diesen Roman, der auto- und familienbiographische Züge enthält, direkt nach den Geschehnissen im November 1938 in nur zwei Wochen. Gelesen ist er womöglich in nur wenigen Stunden. In Erinnerung bleibt er hoffentlich für immer.

 

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Der Reisende

Geschrieben von

Ulrich Alexander Boschwitz

Genre und Leseprobe

Literatur. Moderner Klassiker
Auf der Verlagswebseite findet sich eine Leseprobe und weitere Infos zum Autor: Ulrich Alexander Boschwitz – Der Reisende

Herausgegeben von

Peter Graf

Noch ein paar Details

Am 10. Februar 2018 erschienen im Klett-Cotta Verlag, ISBN 978-3-608-98123-0
303 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen

Gelesen …

… reisend im IC, ICE

Dabei gehört …

… oft nur Stille, Geräusche des fahrenden Zuges oder Gemurmel der anderen Zugreisenden, aber auch: Soundtrack zu „Der Pianist“.

Hörbuchfassung

Eine Rezension zum ungekürzten Hörbuch findet sich im Blog von monerl:
[Buchvorstellung] Der Reisende auf monerls bunte Welt

Buchcover in schwarz-weiß. Zeigt einen Bahnsteig mit vielen Menschen, die in verschiedene Richtungen geschäftig unterwegs sind

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