Es ist mal wieder soweit. In Gedanken brennt mir seit einiger Zeit ein Thema unter den Nรคgeln, รผber das ich gerne schreiben mรถchte. Von dem ich erzรคhlen mรถchte, das es meines Erachtens wert ist, mehr Prรคsenz zu bekommen. Prรคsenz in der ร–ffentlichkeit, in der Gesellschaft – im Leben all der Menschen, die dies hier lesen. Es soll drรผber gesprochen werden, niemand soll sich seiner Fรคhigkeiten und Erfahrungen schรคmen mรผssen. Die Mรถglichkeit, dass ihr euch oder Freund_innen, Bekannte, Kolleg_innen in meinen Zeilen wiedererkennen kรถnntet, wenn ich euch von meinen Gedanken und Erlebnissen berichte hat mich beflรผgelt, es jetzt endlich mal rauszuhauen. Und ich werde diesen Beitrag nicht immer und immer wieder gegenlesen, sondern jetzt runterschreiben, ein Foto suchen und dann verรถffentlichen. So.

Worum geht es รผberhaupt?

Um (mindestens) eine Form der „Begabung“, von der ich bis vor wenigen Jahren nie gehรถrt hatte.ย Ich habe lange gebraucht, zu akzeptieren, dass ich da etwas mit mir rumtrage, das tatsรคchlich positiv sein sollte. Fรผhlte es sich fรผr mich doch eigentlich nur an, als wรคre ich „komisch“ und erntete oft ablehnende Reaktionen. Wirkte vermutlich arrogant, merkwรผrdig, unstet und sah Unverstรคndnis und sogar Neider an vielen Ecken. Ebenso lange habe ich รผberlegt, ob ich damit an die ร–ffentlichkeit gehen soll und mich nun entschieden, genau das zu tun. Vielleicht nutzt es ja wirklich jemanden. Ehrlich gesagt … kann ich mir das gut vorstellen ;-)

Ein paar Zeilen รผber mich – eine unstete Persรถnlichkeit. Ich kann doch eigentlich gar nichts richtig.

Ich kenne nur wenige Menschen, die eine behรผtete Kindheit hatten. Die rundum glรผckliche Kinder waren. Die meisten haben irgendwelche Leichen im Keller. Ich gehรถre zu denen mit vielen von diesen Leblosen. Darauf mรถchte ich im Detail hier und heute gar nicht eingehen. Aber es kรถnnte einer der Grรผnde sein, weshalb ich lange, sehr lange, nicht erkannt habe, was eigentlich los ist. Warum ich mich eh immer als etwas merkwรผrdig, nicht liebenswert, nicht wertvoll und รผberhaupt stark fehlerbehaftet gefรผhlt habe.

Bereits mit fรผnf Jahren wurde ich in die Schule geschickt – damals gab es so Untersuchungen in den Gesundheitsรคmter, in denen festgestellt wurde, ob man schon fรผr die Schule geeignet war. Ich habe mich gefreut, war aber immer die Jรผngste in der Klasse und im Nachhinein wรคre ich lieber ein Jahr spรคter eingeschult worden. In den ersten vier Klassen hatte ich Einsen รผberall. Die Klassenlehrerin hat wohl mal gesagt, ich kรถnnte noch besser sein, wenn ich mehr Lust hรคtte. Aha. Davon wusste ich nichts. In meiner Freizeit habe ich nicht nur gelesen, sondern auch Schulbรผcher aus der Bibliothek ausgeliehen, um noch mehr Aufgaben lรถsen zu kรถnnen. Meine Mutter um Diktate und Rechenaufgaben gebeten. Ich habe mit mir alleine Monopoly gespielt, habe sozusagen die Mitspieler_in simuliert – ohne mich dabei zu betrรผgen! Habe stets nach neuen Reizen gesucht, um zu sehen, was passiert: Fahrradfahren mit geschlossenen Augen, Blinde-Kuh-spielen auf einer Wiese mit Baum in der Mitte, Heftnadel in einen Fingernagel getackert und vieles mehr. Eine meiner Lieblingsbeschรคftigungen war mir eine Richtung (rechts oder links) zu รผberlegen und dann mit meinem kleinen Fahrrad ausschlieรŸlich in diese zu fahren, bis ich partout nicht mehr wusste, wo ich bin oder einfach nur im Kreis gefahren war. Als das langweilig wurde (nach 1-2 Mal) habe ich neue Regeln รผberlegt – zum Beispiel 2 x rechts, 1 x links usw. Selbst wenn ich das heute hier erzรคhle, habe ich noch das Gefรผhl das wรคre alles vรถllig „normal“ und das wรผrde doch sicher jedes Kind machen. Ist das so? Sagt es mir. Erst viele Jahrzehnte spรคter habe ich im Gesprรคch mit anderen bemerkt, dass meine Freizeitbeschรคftigungen wohl nicht unbedingt auf der Lieblingsliste vieler Kinder stehen. Ich fand nie, dass ich etwas besonders gut gemacht hรคtte. Es ging schlieรŸlich immer noch besser.

Lernen fรผrs Abitur? Keine Ausbildung und รผberhaupt …

Ich mache einen Sprung, denn ich hรคtte so viel Stoff von dem ich erzรคhlen kรถnnte, dass dies gleich ein Roman werden kรถnnte (aber dazu sage ich spรคter nochmal was ;-)ย  ). Also mache ich jetzt ein paar grรถรŸere Sprรผnge, um euch zu zeigen, was so los ist und war in meinem Leben.

Nach der Grundschule fielen meine Zensuren, mein Fokus richtete sich auf Jungs und viele andere interessantere Dinge. Die Schule war langweilig und ich kam da schon durch. Dann stand das Abitur an und wir hatten gefรผhlt viel zu viel Zeit zum Lernen. Ich hatteย keine Ahnung, was ich mit dieser ganzen Lernzeit tun sollte!? Alle lernten, also setzte ich mich hin und versuchte es ebenso. Ich wollte doch nur so sein, wie die anderen auch, wollte liebenswert sein. Ich erinnere mich noch, dass ich nach wenigen Stunden fertig war und nicht wusste, was ich jetzt noch mit den vielen Wochen Lernzeit anfangen sollte. Habe dann halt was anderes gemacht. Und dann das Abitur bestanden. Und … es war mir immer irgendwie unangenehm.

Es schloss sich einiges an, zusammengefasst kann ich sagen, dass ich nichts lรคnger als wenige Monate gemacht habe. Studium – abgebrochen. Ausbildung – abgebrochen. Jobs – meist fรผr drei Monate – dann – abgebrochen. Wenn ich dann mal lรคnger in einem Job war, habe ich es schnell in Positionen gebracht, fรผr die eigentlich eine bestimmte Ausbildung nรถtig war. Warum habe ich nie verstanden.ย  Ich war unter anderem: Softeisverkรคuferin, kaufmรคnnische Angestellte in einer Gutschriftenabteilung, Kommissionierin in einem Lager, Marktforscherin, Zeitschriftenzustellerin, Fahrerin, Alleinkraft im Bรผro eines kleinen Betriebs, Supporterin in der IT (Linux, Privat- und Businessbereich), Teamleiterin, Verantwortliche fรผr englischsprachige Beschwerden,ย stellvertretende Managerin in einem IT-Servicecenter, Softwaretesterin und seit vielen Jahren jetzt Managerin im Bereich Softwaretest. Ein Studium oder eine Ausbildung habe ich bis heute nicht. Ich fรผhlte mich stets wie eine Hochstaplerin, kenne das Gefรผhl auch heute noch.. Hatte immer hintergrรผndig Angst, irgendjemand kรถnnte bemerken, dass ich ja eigentlich gar nichts kann. Irgendwie nur zufรคllig an den Job gekommen wรคre. Und wenn dann mal jemand wirklich merken wรผrde, was da eigentlich los ist, ich ganz schnell den jeweiligen Job los wรคre. Oft wurde und werde ich gefragt, was ich studiert habe, welche Ausbildung fรผr den Job nรถtig ist. Ich bin nicht die einzige Quereinsteigerin, trotzdem ist es mir immer auch ein wenig peinlich zu sagen, dass ich im Grunde nichts „gelernt“ habe.

So langsam bin ich aufgewacht, beginne zu erkennen

In den letzten Jahren kam in Gesprรคchen mit Therapeuten, Freunden, Bekannten immer mal wieder das Thema Hochbegabung zur Sprache. Das war mir unheimlich. Jetzt hatte ich also die Hochstapelei schon so weit gebracht, dass ich mein Umfeld von einer Hochbegabung รผberzeugt hatte? Wow. Aber mal ehrlich, wie bitte? Damit konnte unmรถglich ich gemeint sein. Ich war doch total chaotisch, verzettelte mich, tat tausend Dinge gleichzeitig, ohne auch nur eine davon wirklich zu kรถnnen. Manchmal verstehe ich etwas nicht, wenn es fรผr mich unlogisch ist – es passiert, dass ich nach Stunden dann begreife, dass ich mit meinen Gedanken viel zu weit vorgerannt bin und deshalb gar nicht wusste, worรผber gesprochen wurde. Ich hatte – sozusagen – รผberholt. Es kommt vor, dass ich mich sprachlich nicht klar รคuรŸern kann, weil so viele Mรถglichkeiten in meinem Kopf rumschwirren. Das sind dann Momente, in denen ich mich komisch fรผhle und auch hilflos, weil ich mich einfach nicht verstรคndlich (mรผndlich) ausdrรผcken kann. Ein paar Minuten spรคter kann das schon wieder anders sein.

Ich lernte, dass dies alles zum „Typus“ des Vielbegabten oder auch Scannerpersรถnlichkeit gehรถrt. Dass es sich um allzu deutliche Merkmale handelt. Und das alle meine komischen Angewohnheiten, die stรคndige Suche nach meiner „Berufung“ und das Gefรผhl doch gar nichts zu kรถnnen und nur „so zu tun als ob“ gar nichts Negatives sind, sondern etwas ganz Tolles. Etwas, mit dem ich leben kann. Wenn ich nur lerne, damit umzugehen und es zu akzeptieren.

In diesem Prozess befinde ich mich nun schon seit einiger Zeit. Es gibt so unzรคhlige Dinge, von denen ich erzรคhlen kรถnnte. Habe ich meine vielen Freizeitbeschรคftigungen schon erzรคhlt? Oder dass es mich langweilt Bรผcher mehrmals zu lesen? Dass ich stรคndig Abwechslung brauche? Immer neue Ideen habe und … eine davon ist einen autobiografisch basierten Roman zu schreiben? Verrรผckt? Mag sein. Aber so bin ich. Und so langsam – seit circa Mitte 40 – beginne ich es zu verstehen und zu akzeptieren.

Das war jetzt ein langer Text. Sehr viel lรคnger als ich geplant hatte. Und ich kรถnnte immer und immer weiter schreiben. Da fรคllt mir ein, ich sollte was trinken. Aber erst einmal mรถchte ich euch alle etwas fragen:

Habt ihr Erfahrung mit den Themen Hochbegabung, Vielbegabung, Hochsensibilitรคt. Ich habe jetzt noch nichts รผber die Hochsensibilitรคt erzรคhlt, aber … da kรถnnte ich auch noch so einiges beitragen *seufz*.

Und: kennt ihr vielleicht sogar Romane, die sich mit diesen Themen beschรคftigen? Oder muss ich tatsรคchlich selbst einen schreiben? *lach*

Habt ihr euch vielleicht selbst an einigen Stellen im Text wiedererkannt? Wisst ihr, dass ihr „komisch“ seid und lebt glรผcklich damit? Erzรคhlt mir bitte von all diesen Dingen. Ich mรถchte mich austauschen, euch kennenlernen.

Und ganz wichtig: Ich hoffe, ich habe euch mit meinem Text jetzt nicht verscheucht, euch keine Angst gemacht, euch nicht verunsichert. Ich mรถchte mich damit ganz und gar nicht in den Mittelpunkt stellen. Nicht sagen, hey – ich bin was Besseres oder รคhnliches. Im Gegenteil, ich mรถchte zeigen, dass ich selbst ein Problem damit habe, dass mir vieles „leicht“ fรคllt und ein Leben damit nicht unbedingt ein leichtes ist. Lasst mir eure Meinung da. Das bedeutet mir sehr viel und ich freue mich sehr darรผber :-)

Achja – und mรถchtet ihr mehr darรผber und mich erfahren? Ich habe doch bis jetzt nur *รคhem* x Rubriken hier im Blog und kรถnnte locker noch mehr unterbringen. Ehrlich – ich brauche das, ihr mรผsst nur leider immer etwas warten, bis in einer der Rubriken was Neues kommt :-D

Weiterfรผhrende Infos findet ihr beispielsweise bei Anne Heintze von der Open Mind-Akademie. Ich lese unter anderem gerade ihr Buchย Auf viele Arten anders und finde mich in so vielen Zeilen wieder. Es sind schon viele Trรคnen geflossen, weil ich mich so sehr wiedererkannt habe. Wenn ihr mรถchtet, findet ihr auf der Seite auch einen Selbsttest, der unter anderem in diesem Beitrag verlinkt ist:ย Open Mind Akademie – Bist du eine Scannerpersรถnlichkeit (Link).ย Laut Anne Heintze sollen 10% der Menschen vielbegabte Scannerpersรถnlichkeiten sein.

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