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Comicrezension / Graphic Novels / Highlights

Zaroff von Runberg & Miville-Deschênes

Comic zeigt einen Mann mit Waffe vor einem grünen Dschungelhintergrund, der Band liegt auf einem aufgeschlagenen Atlas

General Zaroff war 1917 vor der Revolution in Russland geflohen und hatte sich auf einer Insel vor der Küste Brasiliens niedergelassen. Dort frönte er einem grausamen Spiel, der Menschenjagd. Sanger Rainsford, der vor der Küste Brasiliens während einer Schiffsreise über Bord ging, rettete sich schwimmend auf eine kleine Insel – ausgerechnet jene auf der sich der russische Adlige versteckt gehalten hatte. Als Zaroff erfuhr, dass der unerwartete Besucher ein weltweit angesehener Jäger war, erwachte sein Jagdinstikt. Drei Tage gab er dem Mann Zeit, sollte er ihn bis dahin nicht zur Strecke gebracht haben, dürfte er die Insel unbeschadet verlassen. Aber Rainsford gelang sogar das Unglaubliche, er floh und berichtet heute, am 6. Juni 1932, der Presse in den Vereinigten Staaten von Amerika von seinen Erlebnissen.

Auch wenn mehrheitlich Zweifel am Wahrheitsgehalt der Schilderungen Rainfords laut werden, weiß doch Fiona Flannagan sehr gut, wovon der Mann spricht. Jetzt hat sie endlich Gewissheit, wo sie den Mörder ihres Vaters finden kann. Es schreit nach Rache in ihr, seitdem sie in Erbfolge den Posten der Chefin des Iren-Clans in Boston eingenommen hat. Und sie hat ein wirksames Druckmittel: Zaroffs Schwester und deren drei Kinder. Flanagan macht sich auf den Weg, ihren Vater zu rächen. Den Dämon in Menschengestalt zur Strecke zu bringen. Aber ihre Mittel sind nicht minder brutal …

Variationen von Grausamkeit. Ein Erfahrungsbericht.

Leseprobe aus dem Comic Zaroff
Zaroff S. 30 © Miville-Deschênes & Sylvain Runberg / Splitter Verlag

Krasse Nummer :-o So beginnen meine handschriftlichen Notizen, die ich mir während des Lesens von Zaroff gemacht habe. Der Comic startet extrem spannend, sodass ich mich dabei erwische, immer wieder mit den Augen ein paar Panels vorzuspringen, um dann wieder zurückzugehen und jedes Panel in normaler, teils sogar reduzierter Lesegeschwindigkeit zu genießen. Hier von genießen zu sprechen, löst allerdings in mir direkt eine Ambivalenz, einen starken Spannungszustand aus. Bin ich doch in vielen Bildern mit unfassbarer Grausamkeit und einem blutigen Rachefeldzug konfrontiert. Und doch bin ich überaus fasziniert von der Story und im Besonderen von den überwältigenden Bildern.

Sattgrüne Dschungelansichten kontrastieren mit den Farben von Blut, Feuer und Raubkatzenfellen. Starke Ausdrücke in den Gesichtern wühlen mich emotional auf, gleichzeitig erstarre ich immer wieder ob der überall präsenten Furcht, dem Hass und der Hilflosigkeit. Während ich einfach nur hoffe, die kleine Familie der Schwester Zaroffs solle bloß nicht von irgendwem gefunden werden, schaue ich voller Abscheu und Fassungslosigkeit auf die Taten der rachesüchtigen Flanagan und des dämonischen Generals. Während all dessen, ertappe ich mich dabei auf den optisch schönen Gesichtzügen Zaroffs zu verweilen, nur um kurz danach vor mir selbst zu erschrecken. Was ein emotionaler Ritt.

Inspiriert von …

Sylvain Runberg hat sich im Szenario von der Kurzgeschichte Das grausamste Spiel (1924) von Richard Connell, die 1932 zudem unter dem Titel Graf Zaroff – Genie des Bösen auf die Kinoleinwände kam, inspirieren lassen. Zaroff ist Runbergs Fantasie einer Fortsetzung der Geschehnisse.

François Miville-Deschênes‘ Zeichnungen spiegeln perfekt das Ambiente der 1920er Jahre, seine Kolorierung passt sich den zwei Zeitebenen an. Die in den Dschungellandschaften enthaltenen Details ziehen das Auge auf sich (ich konnte mich kaum losreißen), auch die einzelnen Figuren sind einfach fantastisch. Und so grauenvoll die in feinen LInien gezeichneten Bilder auch oft sind, weggucken geht hier ganz und gar nicht. Alleine die nebelverhangenen Panel gleich zu Beginn sind eine Pracht.

Zaroff Ausschnitt S. 11 © Miville-Deschênes & Sylvain Runberg / Splitter Verlag

Runberg mutet uns Lesenden eine Menge zu und für mich funktioniert dieses Buch auch hauptsächlich, weil es in der richtigen, sogar perfekten Form präsentiert wird – als Comic. Einen Film mit derselben Handlung hätte ich mir vermutlich nie angesehen. Eine prächtig gestaltete Graphic Novel jedoch überlässt mir die Geschwindigkeit, in der ich sie konsumiere. Überlässt mir, wie intensiv ich einige Bilder ansehen möchte, wie tief ich ins Detail gehen will. Gerade bei solch brutalen Stoffen ist daher Literatur für mich der einzige Weg.

Zaroff ist hochspannend, bewegt sich an (menschlichen) Abgründen entlang, schmerzt mit seiner Grausamkeit und ist dabei in opulente Farben und fein komponierte Bilder verpackt.

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ZAROFF
Sylvain Runberg
François Miville-Deschênes
übersetzt von Harald Sachse
erschienen am 12. Juni 2020 im Splitter Verlag
88 Seiten, Farbe, Hardcover
ISBN 978-3-96219-492-5
19,80 Euro
Erhalten als Rezensionsexemplar

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Cover zeigt einen Mann im Anzug mit einer Armbrust über der Schulter im Hintergrund Dschungel
© Miville-Deschênes & Sylvain Runberg / Splitter Verlag

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