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Comicrezension / Auch für Comic-Einsteiger / Graphic Novels

Comicbiografie: George Orwell von Christin und Verdier

Rotes Buch mit schwarzem Kopf und schwarzer Schrift

Ein bewegtes Leben

Den Namen George Orwell legte sich der 1903 in Bengalen geborene Eric Blair erst zu, als die Ambitionen mit seinen Romanen bei einem Verlag unterzukommen, immer wieder gescheitert waren. Namensgeber seines Pseudonyms war der Fluss Orwell, an den er sich gerne zum Fischen zurück zog.

Eric Blair fand nicht nur den Weg von seinem Geburtsort Bengalen nach Burma, London und Paris. Er studierte zudem an renommierter Stätte in Eton, kämpfte an der Seite anderer Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg und schlug sich mit diversen Jobs vom Tellerwäscher in einem Luxushotel bis zum Journalist in den Slums der britischen Hauptstadt durch. All diese Stationen bereicherten sein Leben und trugen dazu bei seinen Wissens- und Erlebnisdurst zu stillen. Er sog die Atmosphären und Geschehnisse auf, brachte sie schließlich in seinen Texten als Autor zu Papier. So wurden Blairs – später Orwells – Stationen zu Romanen, von denen jedoch zunächst keine ihm wirklich Erfolg und auch Einnahmen verschafften.

© Pierre Christin & Sébastien Verdier/Knesebeck Verlag

Vielfältig wie das Leben Orwells

Ein schlichter roter Einband umfasst die Comicbiografie eines Autors, der erst mit seinem letzten Werk zu Weltruhm kam. Seinen mehrfach verfilmten und vermutlich in vielen Klassen als Schullektüre durchgearbeiteten dystopischen Roman 1984 über einen brutalen Überwachungsstaat schrieb er im Jahr 1948 bevor er nur zwei Jahre später verstarb. Diese Biografie erzählt von den vielen Aspekten im Leben des Autors, die schlussendlich zu dem Roman hinführten und ihn in seiner Persönlichkeit ausmachten. Sein innerer Antrieb brachte ihn in die unterschiedlichsten Lebenssituationen und Arbeitsbedingungen an ganz verschiedenen Orten. Und eben diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Umsetzung dieses Buches wieder.

„Ich wusste schon früh, dass ich eines Tages Schriftsteller werden wollte … Mein erstes Gedicht verfasste ich im Alter von fünf Jahren, und meine Mutter schrieb es für mich nieder.“

George Orwell, S. 9 von Christin/Verdier – Knesebeck Verlag

Pierre Christin (Valerian & Veronique) und Sébastien Verdier taten sich für George Orwell zusammen und schufen einen erzählerischen Bericht, der dem Leben des Künstlers als auch den daraus entstandenen Werken Raum gibt. Orwell kommt vielerorts auf den Seiten selbst zu Wort, wofür die Originalzitate Orwells in klassischer Schreibmaschinenschrift gesetzt wurden. Auszüge aus Romanen wurden zudem von weiteren Künstler und Künstlerinnen in ganz- und doppelseitigen Illustrationen umgesetzt. Die Beiträge stammen von André Juillard, Olivier Balez, Manu Larcenet, Blutch, Juanjo Guarnido und Enki Bilal und sind somit ebenso vielfältig.

Doppelseitige farbige Illustration mit Text. Eine Frau, die vor der Kulisse einer Stadt steht, es dämmert.
© Pierre Christin & Manu Larcenet/Knesebeck Verlag

Zeichnerisch hält sich Verdier an den zarten Strich der Ligne claire und setzt selten Farben ein. Nutzt sie meist nur für Akzente auf den Seiten und in einzelnen Panels. Besonders beeindruckt haben mich all die Parts in dieser Graphic Novel, in denen die Worte fehlen, an denen einzig Verdiers Bilder sprechen.

Der gewählte Erzählstil wiederum wirkt größtenteils sehr sachlich, manchmal hölzern und Stationen werden einfach hintereinandergereiht. Teils entsteht gar ein gehetzter Eindruck, Stellen im Leben Orwells wirken übersprungen, was wiederum ungleich zu den Parts ist, an denen verweilt und dann wieder ausführlicher erzählt wird. Aber vielleicht passt auch das eben genau so gut zum unsteten Leben des portraitierten Schriftstellers. Das erschließt sich womöglich bei einem zweiten Lesedurchgang.

Der eigentlichen Biografie schließt sich der kurze Teil Orwell nach Orwell an, der auf die Bedeutung des Autors, insbesondere seinem literarischen Nachlass eingeht und damit diesem Comic einen runden Abschluss gibt.

Leseprobe einer Comicseite in schwarz-weiß
© Pierre Christin & Sébastien Verdier/Knesebeck Verlag
Sprechblasenlabel mit Aufschrift Auch für Comic-Einsteiger geeignet

George Orwell ist dank der wundervollen klaren Zeichnungen von Verdier besonders groß an den Stellen, an denen die Worte fehlen.
George Orwell offenbart das spannende und schöpferische Leben des Autors, vom Szenaristen Christin in einen besonderen Bezug zu den entstandenen Romanen gebracht.
George Orwell kann ich als Lektüre auch für all jene empfehlen, die sich zwar bisher wenig an das Medium Comic herangewagt haben, aber eine gute Biografie über einen großen Autor des 20. Jahrhunderts nicht verpassen wollen.

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GEORGE ORWELL
Pierre Christin | Sébastien Verdier
übersetzt von Anja Kootz
erschienen 2019 im Knesebeck Verlag
152 Seiten, farbig, Hardcover
ISBN 978-3-95728-154-8
25 Euro
Geeignet für Comiceinsteiger*innen
Erhalten als kostenfreies Rezensionsexemplar
Meine Meinung ist davon unbeeinflusst, was sonst.
© Pierre Christin & Sébastien Verdier/Knesebeck Verlag

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4 Comments

  • Avatar
    Miss Booleana
    17. März 2020 at 20:57

    Wow, sieht klasse aus. Mir gefällt der visuelle Stil sehr. Wandert gleich auf die To-Read-Liste :) Nachdem ich 1984 gelesen habe, habe ich mich mal länger mit Orwell beschäftigt – das Bild nochmal abzugleichen wird bestimmt spannend.

    Reply
    • booknapping
      booknapping
      18. März 2020 at 07:44

      Hi
      Dafür ist dieser Comic perfekt und deine Meinung nach dem Lesen interessiert mich sehr.
      LG
      Sandra

      Reply
  • Avatar
    Sabine
    7. März 2020 at 12:29

    … und zack auf der Wunschliste gelandet. Danke für den tollen Tipp! Liebe Grüße, Sabine

    Reply
    • booknapping
      booknapping
      7. März 2020 at 16:59

      Immer wieder gerne, Sabine :-)
      Liebe Grüße
      Sandra

      Reply

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