Die Eiszeit ist laut

Ich kaufte den ersten Teil dieses Manga-Zweiteilers am 11. Februar 2017. Science Fiction von Jiro Taniguchi, das war neu, ungewรถhnlich. Es machte mich sofort neugierig und ich nahm ein Exemplar aus dem Regal im Comicladen. Am selben Abend erfuhr ich, dass der Autor an diesem Tag verstorben war. Mit nur 69 Jahren. Mit der Lektรผre lieรŸ ich mir dann Zeit bis zum Erscheinen des abschlieรŸenden Teil 2. Diesen Zusammenhang werde ich wohl nie vergessen, er wird mich immer wieder an diesen ganz besonderen Mangaka erinnern.

Eine gewaltige Eiszeit, ein jugendlicher Anfรผhrer und eine Prophezeiung

Auf der Erde herrscht die fรผnfte Eiszeit. Die Menschheit ist dezimiert, die groรŸen Stรคdte grรถรŸtenteils untergegangen. Aber es regt sich etwas, gewaltige Unwetter scheinen einen Wechsel im Erdklima anzukรผndigen. In der Mine Tarpa auf der Eisinsel Nunatak haben sich einige Menschen tief im Eis zurรผckgezogen und arbeiten dort unter nahezu menschenunwรผrdigen Bedingungen. Die Sitten sind rauh, der Umgang hart. Als der Anfรผhrer stirbt, wird der Junge Takeru zum Nachfolger ernannt. Doch nicht nur die Arbeiter in Tarpa halten ihn fรผr untragbar, er selbst hรคlt sich ebenfalls fรผr die falsche Wahl. Auch verspรผrt er keine Lust eine solchen Posten zu รผbernehmen. Die Situation eskaliert, als es weitere Tote gibt …

Mit einer kleinen Gruppe macht Takeru sich schlieรŸlich auf, gemeinsam wollen sie dem sicheren Tod in der Eisgrube Tarpa entgehen, Hilfe holen und sich auch ein eigenes Bild von der sich ankรผndigenden Klimakatastrophe machen. Sie begegnen Menschen, die auf dem Eis leben, mitten in dieser unwirtlichen Eiswรผste. Dies versuchen sie im Einklang mit der Natur und ihren auรŸerirdischen Gรถttern zu tun. Die Schamanin erkennt Takeru als den Auserwรคhlten, auf den sie seit vielen Generationen warten. Aber ist die Erde รผberhaupt noch zu retten?

„Fรผr die Erde ist die Zeit der Wiedergeburt gekommen. Auch wir mรผssen die Erde fรผr diese neue Zeit urbar machen. Das wird deine Mission sein, Takeru“S. 130, Jiro Taniguchi – Ice Age Chronicle of the Earth Teil 2

Der wรผtende kleine Mensch inmitten eines Terraformingprozesses

Auf der Erde wurde etwas angestoรŸen und das ganze Setting schreit geradezu danach, dass ich es lieben muss. Nur leider wird diese Liebe gemildert. Stark abgemildert. „Ice Age Chronicle of the Earth“ ist ein frรผhes Werk von Jiro Taniguchi. Es ist ganz anders als alles, was ich von ihm kenne. Ich kenne seine Arbeiten als leise, subtil, hintergrรผndig, wenig textlastig. Still, ruhig, fast wie hinter vorgehaltener Hand erzรคhlt. Hier aber in diesem Hard-SF-ร–ko-Manga ist alles anders. Es wird stรคndig – ich รผbertreibe nicht – stรคndig gebrรผllt und geschrien. Die Gesichter der Menschen sind stets verzerrt, haben einen aggressiven, immer wieder auch einen erschrockenen Touch. Es ist alles zu viel. Zu viel Geschrei, zu viele Kรคmpfe, zu viele Waffen, zu viel Gewalt, zu viel Agression, sogar zu viele Mรคnner. Es ist mir schlicht und einfach – zu laut.

Im Kontrast dazu steht die feingliedrige Zeichenkunst Taniguchis, die Doppelseiten sind IMMER ein Knaller. Ich liebe seine Darstellungen der Natur ebenso wie die der Industrieruinen. GroรŸartig. Dann noch die vierย Farbseiten zu Beginn eines jeden Bandes. Sie hauen mich um, sind รผberwรคltigend schรถn und regen meine Fantasie an.

Auch die Story ist groรŸ. Sie lรคuft ganz langsam an, zeigt sich dann in ihrem groรŸen AusmaรŸ. Sie ist spirituell, visionรคr und – man kann wohl sagen – evolutionรคr. Taniguchis Auserwรคhlter Takeru entwickelt sich vom ungeliebten aufmรผpfigen Teenager zum Anfรผhrer. Wenn nur all das Geschrei, die in Angst und Aggressivitรคt verzerrten Mienen und die sich mir bis zum Schluss nicht erschlieรŸende รผbermรครŸig verwendete Lautsprache nicht wรคren. Dann wรคre es ein rundum perfekter Science Fiction-Manga. Fรผr mich.

Ein groรŸer Wal, der sich aus einem Dschungel erhebt

Hop oder Top?

Mich hat der „laute“ Grundton sehr gestรถrt in meinem Leseerlebnis. Am Ende aber machte der Manga mir Lust darauf, die Geschichte weiterzuverfolgen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich weiรŸ gar nicht, ob Jiro Taniguchi die Story weiter verfolgt hat, im Nachwort steht nur, dass er es gerne irgendwann getan hรคtte und die Handlung mit diesen zwei Bรคnden nicht beendet sei. Und nein, das ist sie wirklich nicht. Es ist der wutentbrannte anfรคngliche Kampf, der einer groรŸen Erzรคhlung voransteht. Wie ein Prolog. Jetzt im Rรผckblick kann ich die Lautstรคrke verzeihen. Die Bรผcher werden bei mir bleiben. Und sie werden mich mit ihren Bildern immer wieder beeindrucken.

Ich empfehle jedem, der sich die Bรผcher zulegen mรถchte, zuvor einen Blick hineinzuwerfen, ein wenig reinzulesen. Und dann zu entscheiden. Rรผckblickend bereue ich den Kauf nicht, auch wenn diese Coming of age-Story im Hard-SF-Gewand mich doch ziemlich gefordert hat.

Jiro Taniguchi – Ice Age Chronicle of the Earth Teil 1 + 2
Erschienen am 07.02.2017 + 04.07.2017 bei Schreiber & Leser
Softcover, 276 + 312 Seiten, ISBN 978-3-946337-20-1 + ISBNย 978-3-946337-05-8

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