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Comicrezension

Episch: Die ELRIC Gesamtausgabe

Comic liegt auf einem Langfloor-Teppich in weiß

Episch. Ein gutes Adjektiv, um diese in so vielen Aspekten große Gesamtausgabe der Comicadaption von Michael Moorcocks „Elric von Melniboné“ mit nur einem Wort zu beschreiben. Aber ein solcher Beitrag wäre nicht nur per se zu kurz, sondern würde auch nicht auf die verschiedenen Facetten des Comics eingehen.

Die 240 Seiten starke und vier Comicalben plus umfangreiches Making-of (gut 30 Seiten) umfassende Gesamtausgabe ist durchgehend durch fantastisches Artwork geprägt. Zeichungen und Farben der Künstler Didier Poli, Robin Recht und Jean Bastide harmonieren in jedem Panel, auf jeder Seite. Die Details sind fazinierend und selbst, wenn das genaue Hinsehen aufgrund der drastischen Darstellungen oft nicht leicht fällt, ist es noch schwerer, sich zu entziehen.

Was ist ELRIC (nicht)

ELRIC lässt sich wohl am besten mit den Buzz-Words: klassisch, Sword & Sorcery, Grim Dark Fantasy beschreiben. Das sind gleich mehrere „Attribute“, die aber die düstere Stimmung und auch die Machart des Comics gut illustrieren.

Comiccover in blau-weiß-schwarz. Zeigt einen Mann mit weißem Haar von hinten mit einem riesigen Schwert, Hintergrund blau
Elric Gesamtausgabe © Recht u. a. / Splitter Verlag

Das Volk der Melnibonéer ist nicht zimperlich, benötigt Menschen, um sich von ihren zu nähren und ausgerechnet ein schwächlicher Albino – Elric – steht ihm als Herrscher vor. Dass sich hier direkt Neid, Missgunst und Eifersucht nicht erst entwickeln müssen, sondern bereits seit Jahren brodeln, ist nicht verwunderlich. So verschafft sich die „Verwandtschaft“ durch einen Klassiker – Entführung der einzigen Liebe des Throninhabers – einen Vorteil, um die Machtübernahme zu beschleunigen und Elric aus dem Weg zu schaffen.

Die grundsätzliche Prämisse der Story steht damit schon einmal, die vorliegende Adaption lässt aber deutlich erkennen, dass da noch viel mehr hintersteckt. So ist Elric (auch wieder klassisch) ein tragischer Charakter. Gebeutelt durch seine Drogensucht, seine Andersartigkeit innerhalb seinesgleichen und auch Einsamkeit in seiner eigentlich ja mächtigen Rolle. Jedoch fehlt auf den Comicseiten das Hinabtauchen in diese Abgründe des Charakters, wird zu oft auf wilde Kämpfe, Brutalität und arrogante Überlegenheit fokussiert.

Jeder der vier enthaltenen Comicbände wird durch ein umfangreiches Vorwort eines Künstlers eingeleitet. Alan Moore, Neil Gaiman und Jean-Pierre Dionnet berichten von ihren Erlebnissen mit den Romanen Moorcocks, ihrer Faszination und Moorcocks – ja sogar Elrics – Einfluss auf ihr eigenes Schaffen. Zudem ist das erste Vorwort vom Fantasy-Meister Moorcock höchstselbst, der großes Lob für die Comicadaption loslässt, die aus seiner Sicht, die gelungenste aller Veröffentlichungen gelten darf.

Müssen Klischees erfüllt werden?

Mit jedem der Vorworte habe ich erneut Hoffnung geschöpft, dass mich ELRIC so packt, wie die berichtenden Männer es erlebt haben. Aber … trotz der gewaltigen Bilder und des tragischen Charakters hat ELRIC es nicht geschafft. Ich habe mich schwer getan. Und daran war nicht die Nacktheit der Frauen auf den Seiten schuld. Aber dass die blanken Brüste anscheinend als Lockmittel genutzt wurden und nicht, weil es für die Story förderlich und sinnvoll gewesen wäre, hat mich gestört. Gleiches gilt für die Brutalität, die in diesem Szenario zwar essentiell, aber zu dominant im Vergleich zur Tragik in der Geschichte war.

Untermauert wurde mein Eindruck durch einen Abschnitt in der Genese (dem Making-of): „Augenscheinlich dem Kodex – und den Klischees – der Fantasy entsprechend (nackte Brüste, imposante Rüstungen), unterwandert der Zeichner selbige, indem er die finstere und bösartige Seite der Figuren ganz im Sinne der SM-Bezüge der Serie hervorhebt.“ [Zitat Seite 237]

Ja – die ELRIC Gesamtausgabe ist gewaltig – in ihren Bildern, den starken Vorworten, dem durchblitzenden Tiefgang an einigen Stellen und dem schieren physikalischen Gewicht des Buches. Jedoch nicht in ihrer Wirkung auf mich. Als mich immer mehr das Gefühl überkam, dass dieser Comic einfach nicht für mich geschrieben zu sein schien, fiel mir auf, dass keine einzige Frau daran beteiligt war. Ob dies einer der Gründe dafür ist, dass ich das Gefühl habe, ELRIC wollte mich als Leserin gar nicht haben?

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ELRIC GESAMTAUSGABE – Textadaption/Szenario von Julien Blondel & Jean-Luc Cano, Zeichnungen/Farben von Didier Poli & Robin Recht & Jean Bastide & Julien Telo, übersetzt von Tanja Krämling
erschienen am 15.12.2021 im Splitter Verlag, 240 Seiten, Hardcover, Euro 39,80, ISBN 978-3-96792-241-7 (LINK auch zur Leseprobe)

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3 Comments

  • […] Episch: Die ELRIC Gesamtausgabe Das Dilemma mit der Zielgruppe. Sandra bespricht auf ihrem Blog Booknapping die Gesamtausgabe des Comics Elric und kommt zwischen fabelhaften Bildern und an sich interessanter Handlung mit einigen Stereotypen und nackter Haut zu der Erkenntnis: „Ob dies einer der Gründe dafür ist, dass ich das Gefühl habe, ELRIC wollte mich als Leserin gar nicht haben?“ So habe ich mich auch schon oft gefühlt. Das wirft für mich die interessante Frage auf: wieviel bewusster sollten sich Kreative ihrer Zielgruppen sein? Oder führt das zu verbiegen? Müssen wir uns eben manchmal damit abgeben „nicht die Zielgruppe“ zu sein? […]

    Reply
  • Miss Booleana
    4. April 2022 at 20:23

    Bei solchen Werken weiß ich manchmal nicht, wie ich mich fühlen soll. Soll man es ok finden, dass ein Medium eben ein bestimmtes Publikum hat? Geht es denn Medien für alle zu schreiben? Vermutlich nicht. Mag ich Comedy nicht, lese ich es nicht. Andererseits sind doch Geschlechterrollen sowas grundlegendes, zeitloses – und ja eben auch ins negative zeitloses, das ich immer erwarte, dass sich Künstler:innen dessen bewusst sind und nicht einfach mal so rund 50% (oder so) der Menschheit ausschließen … schwierig. Die Bilder sehen aber toll aus.

    Reply
    • booknapping
      6. April 2022 at 10:14

      Danke für deine Gedanken zum Thema. Ich habe mich ja explizit für die Lektüre von ELRIC ausgesprochen und mich auch drauf gefreut. Ich kann auch klassische Sword & Sorcery lesen, hier habe ich aber echt ein komisches Gefühl gehabt. Vermutlich haben die Künstler gar nicht gemerkt, dass sie manche Menschen damit ausschließen. Ich denke, bei so einem Projekt mit vielen Beteiligten hätte es nicht geschadet auf Diversität zu achten.
      Und ja – die Bilder SIND toll :-)

      Reply

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