IKON von Simon Schwartz =Rezension=

IKON Titel
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Anastasia Romanowa war eines der fünf Kinder des Zaren und lebte Anfang des 20. Jahrhunderts in einer zunächst aristokratischen Idylle. IKON erzählt vom Leben dieser jungen Zarentochter, das im Jahr 1918 ein gewaltsames und sehr frühes Ende nahm. Ebenso widmet sich IKON dem Lebensweg ihres Jugendfreunds, Gleb Botkin, dem Sohn des Leibarztes der Zarenfamilie. Gleb verehrte die Zarenprinzessin geradezu, schien süchtig nach ihrem “Bild” zu sein. Eine ungleiche Freundschaft, die von Anbetung auf der einen Seite und eher unterhaltendem Wert auf der anderen geprägt war. Nach Hinrichtung der Zarenfamilie und auch seines Vaters im Jahr 1918 verblieb Gleb als einziger Überlebender und übersiedelte in die USA. Dort suchte er sich eine neue “Ikone”, die Göttin Aphrodite und gründete zu deren Ehren eine eigene Kirche, seine eigene Religion.

Eines Tages aber taucht Anastasia wieder auf. Eine Pflegerin in einer deutschen “Irrenanstalt” glaubt sie in einer jungen Frau zu erkennen, die nach einem misslungenen Suizid aus dem Wasser gefischt und in die Klinik eingeliefert wurde. Es handelt sich um Franziska Czenstkowski, die fortan als wiedergefundene Zarentochter Anastasia gilt. Etliche Zeit danach erreicht auch Gleb diese Nachricht, der sich sofort von seiner Aphrodite abwendet und seine für immer verloren geglaubte angebetete Jugendfreundin meint wiedergefunden zu haben. Er nimmt sie schließlich mit sich in seine neue Heimat in die USA.

Doch Anastasia ist schwierig. Ist entrückt vom Leben. Umgibt sich mit Tieren und Dingen. Versinkt in ihrem eigenen Müll und dem Unrat der Tiere. Kann kaum noch zwischen Tod und Leben unterscheiden …

IKON Ausschnitt Seite 86

Drei Leben. Zeitlich versetzt und doch zeitgleich.

Simon Schwartz erfährt überall großes Lob für IKON, seine Graphic Novel, die gleich drei Biographien erzählt. In IKON erzählt er von der Anbetung von Abbildern, dem Festhalten an (religiösen) Fixpunkten. Dabei bewegt er sich auf verschiedenen Ebenen, zeigt auf das Bedürfnis – in diesem Fall hauptsächlich Gleb Botkins – ein solches Abbild zum Lebensvorbild, sogar Lebensinhalt zu machen. Ins Extreme ist Glebs Abhängigkeit von einem solchen IKON gezogen. Ein Leben ohne ein anbetungswürdige Ikone scheint ihm unmöglich.

Hinzu kommen die zwei Frauen in Glebs Leben, der die einzige Konstante in der Story bildet. Anastasia und die nachfolgende – angebliche – Anastasia, die wie später bekannt wurde, eine Hochstaplerin war. Schwartz zeichnet mit grobem Strich und maschinell wirkendem Lettering Bilder der Gewalt, der Verzweiflung und auch der völligen Hingabe bis hin zur fast völligen Aufgabe der eigenen Persönlichkeit.

Während des Lesens fragte ich mich “Muss man, muss ich, eigentlich zu allem einen Zugang finden?” Schaue ich auf die öffentlichen Stimmen, gehört IKON zu DEN besten Comics Deutschlands. Könnte womöglich sogar der beste Comic des Jahres sein. Aber warum nur packt ausgerechnet mich das Buch emotional so gar nicht? Warum kann ich das große Tamtam nicht nachvollziehen? Bin ich womöglich selbst ein “Monster”, wenn mich die Geschichte nicht anrührt?

Handwerklich und künstlerisch bewegt sich der Comic auf sehr hohem Niveau, das steht außer Zweifel. Die drei Biographien sind gut adaptiert, nur wenige Änderungen wurden vom Autor vorgenommen. Hundert Jahre nach der bestialischen Hinrichtung der Zarenfamilie und deren Begleiter rückt dieses brutale Geschehen wieder ins Scheinwerferlicht und hat auch mich sehr neugierig werden lassen. Am Ende des Buches finden sich Fotos und entsprechende Hinweise auf die realen Hintergründe. Parallele Handlungsstränge, die aus zwei verschiedenen Zeiten berichten und sich unermüdlich auf das “Ende” zu bewegen, bringen eine gewisse Geschwindigkeit in die Geschichte. Das Cover ist meisterlich in seiner Dreidimensionalität. Wissenswertes über die Historie der Ikonen erläutert historische Hintergründe auf einer anderen Ebene.

Jedoch – was auch immer es ist, etwas fehlt dem Band. Oder vielleicht fehlt es auch mir (an Verständnis?) – etwas, das IKON für mich nicht zum besten Comic des Jahres macht. Trotzdem zu einem besonderen Werk, das Beachtung verdient. Das sich einem wichtigen Thema widmet und gut recherchiert ist. Vielleicht kann mir jemand, der es ebenfalls gelesen hat, in den Kommentaren erklären, was die Faszination für ihn ausgemacht hat. Ich bin erwartungsvoll.

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IKON

Geschrieben und gezeichnet von

Simon Schwartz

Genre und Leseprobe

Biographie. Graphic Novel.
Eine Leseprobe gibt es hier beim avant Verlag

Noch ein paar Details

Im März 2018 erschienen im avant Verlag, ISBN 978-3-945034-79-8, 216 Seiten, Softcover, EUR 25

Gelesen …

… entspannt im Garten und in meinen zwei Lesesesseln in insgesamt drei Etappen

Weitere Meinung zum Buch

bei Kathrin von Phantásienreisen

Comic in einem Buchladen kaufen

IKON Cover

6 Kommentare

  1. Hallo Sandra,

    nachdem ich “IKON” nun auch beendet und besprochen habe, konnte ich nun endlich auch deine Rezension dazu lesen (ich habe sie mir die ganze Zeit aufgehoben, um ohne Vormeinung an den Comic zu gehen).

    Ich bin ein wenig erleichtert (kann man das so sagen?), dass auch du dich etwas schwer mit “IKON” getan hast! Nach “Packeis” bin ich voller Hoffnung an “IKON” herangegangen, aber es ging mir am Ende wie dir: Irgendwie ist der Funke nicht übergesprungen; irgendetwas hat gefehlt. Ich habe “IKON” gerne gelesen, aber mir von der inhaltlichen Aufarbeitung des Themas doch mehr versprochen. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, auf der Stelle zu treten, und emotional hat es mich auch weniger berührt, als erwartet. Anfangs hat es mich auch sehr in den Bann gezogen, aber irgendwo in der Mitte hat der Comic mich dann verloren. Ich bedaure das, da ich Simon Schwartz als Künstler sehr schätze – aber vielleicht liegt genau darin das Problem: Ich habe vielleicht die Erwartungen zu hoch geschraubt … Andererseits zeigt deine Besprechung, dass es nicht nur mir so ging und “IKON” wohl doch allgemeinere Schwachstellen hat. Schade. :(

    Viele Grüße
    Kathrin

    • booknapping

      Hallo Kathrin,
      ich kann deine Worte gut nachempfinden, wie du ja in meiner Besprechung auch lesen kannst. Packeis wartet noch auf meinem SUC und im Winter sollte es wirklich mal dran sein gelesen zu werden. Zumal ich damals von Simon Schwartz auch eine Illustration und Signatur ergattern konnte. Ich bin darauf sehr gespannt, weil ich jetzt oft von dem starken Kontrast zu IKON gehört und gelesen habe.

      Vielen Dank für deinen Kommentar, ich füge nachher noch einen Link zu deiner Rezension hinzu.

      Liebe Grüße,
      Sandra

      • Danke, liebe Sandra, für die Verlinkung! :)

        “Packeis” unterscheidet sich wirklich deutlich von “IKON” und greift auch gut Themen wie (Alltags-)Rassismus oder das Unwissen um die Geschichten der Menschen, die uns tagtäglich begegnen, auf. Ich hoffe, dich kann “Packeis” mehr berühren als es “IKON” vermochte und freue mich schon auf deine Meinung.

        Viele Grüße
        Kathrin

  2. Thematisch würde mich das sehr interessieren. Die Zeichnungen finde ich aber, zumindest auf den ersten Blick, nicht so prickelnd.

    • booknapping

      Hallo Michael,
      ja – ich glaube, ich weiß, was du meinst. Für mich müssen Text und Bild einfach zusammenpassen und eine Erzählung ergeben. Das hat hier nicht so gut funktioniert. Hast du schon in die Leseprobe hineingeschaut?
      LG,
      Sandra

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