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Phantastische Frauen / Fantasy

[Phantastische Frauen] Ausflug nach Skyle. Ein Interview.

Farbige Weltkarte von SKYLE

Im März 2019 erfuhr ich erstmals von einer Welt namens Skyle. In dieser wären Drachen zu Hause, die Städte seien auf Wolkeninseln gebaut, zwischen denen wiederum Schiffe verkehrten – so hieß es in den Erzählungen. Neben den Drachen (die übrigens angeblich auch ihre Gestalt wechseln könnten) bestünde die Bevölkerung aus einem bunten Mix aus Menschen und anthropomorphen Tieren. Klang ja alles sehr phantastisch. Aber konnte das denn wirklich wahr sein?

Wo sollte dieses Skyle sein? Wie sollten Schiffe in der Luft (!) zwischen einzelnen Inseln und Königshäusern hin und her segeln können? Und wie bitte sollte ich mir Drachen vorstellen, die ihre Gestalt wechseln können? Taten sie dies freiwillig, war dafür Mondlicht nötig (waren es also so eine Art “Wer-Tiere”) oder musste man sie mit einer Nadel pieksen, damit sie sich verwandelten? Fragen über Fragen …

Meine Reise nach Skyle

Buchcover zeigt Schiffe in den Wolken, dahinter eine Burg und darüber schwebt ein Drache
© Esther K. Bertram / Kladdebuchverlag

Glücklicherweise hatte ich mich um ein Exemplar von Esther K. Bertrams Roman Skyle: Himmelsbeben gekümmert. Also trat ich die Reise an, in diese in den Wolken schwebende Welt, mitten rein in die vom Wolkenmeer umgebenen Städte. Auf den gut 500 Seiten fand ich viele Antworten, aber auch neue Fragen, die die Autorin vermutlich im zweiten Band beantworten wird.

Und ich bekam Lust eine der Frauen in Skyle näher kennenzulernen, schrieb sie an und erhielt die Zusage für ein Interview. Ich reiste also erneut nach Skyle, direkt in das malerische Städtchen Autonne Gale und in den weltbekannten White Dragon. Dort war ich verabredet mit Kajin, der ehemaligen Inhaberin. Das Dragon ist bekannt für das wohl beste Essen in ganz Skyle und gleichzeitig ein perfekter Ort, wenn man auf der Suche nach neuen Geschichten oder geheimen Informationen kommen wollte. Ich sollte noch erwähnen, dass Kajin … eine Drachin ist – ja, eins dieser bemerkenswerten gestaltwandelnden Wesen. Natürlich ist das der Öffentlichkeit nicht bekannt. Das gilt übrigens auch für ihren wahren Namen: Lynx.

Mit Kajin im White Dragon

[Sandra] Hallo liebe Kajin, ich freue mich sehr, dass du dir Zeit für ein Gespräch mit mir genommen hast. Und wie wundervoll der Ausblick von hier oben aus ist! Dort kann ich den Hafen sehen, dahinter das atemberaubende Wolkenmeer und gleich unter uns das Gewusel in der Hauptgeschäftsstraße Autonne Gales. Ich hätte es mir kaum schöner vorstellen können, vom Duft aus der Küche mal ganz abgesehen. Einen wunderbaren Platz hast du uns hier reserviert.
Du hast diesen schönen Ort vor einiger Zeit verlassen. Das muss dir sehr schwer gefallen sein. Magst du etwas über deine Beweggründe verraten?

© Alexander Staake / Esther K. Bertram

[Kajin] Hallo, liebe Sandra. Du fängst ja gleich mit der einfachsten Frage an! Ja, es war wirklich nicht leicht, den White Dragon zu verlassen. Aber es war an der Zeit, Autonne Gale zu verlassen. Für solche wie mich ist es nie eine gute Idee, zu lange an einem Ort zu bleiben. So sehr ich den Dragon liebe, ich habe auch eine Verantwortung Mitsu und den anderen gegenüber. Ihr Leben war hart genug, bevor sie hierhergekommen sind. Ich möchte, dass der Dragon ein sicherer Ort für sie und andere bleibt, die Hilfe brauchen. Ich kann sie nicht durch meine Anwesenheit in Gefahr bringen. Und in der aktuellen Lage wird meine bloße Existenz als Drachin als Gefahr gesehen. Ich hatte gehofft, solche Zeiten nie wieder erleben zu müssen …

Entschuldige, ich bin in letzter Zeit etwas grüblerisch. Jedenfalls haben Mitsu und die anderen Mädchen ganze Arbeit geleistet! Die neue Innengestaltung ist wirklich schön geworden. Ich mache mir keine Sorgen darüber, dass der Dragon in guten Händen ist.

[Sandra] Ich habe gehört, du liest gerne und viel. Worin vertiefst du dich am liebsten? Sind es Geschichten, Gedichte, Kochbücher oder politische Schriften? Ich bin gespannt und hoffe auf einen Lesetipp von dir!

[Kajin] Ich lese fast alles, was mir unter die Finger kommt. Das ist eine Angewohnheit, die ich einfach nicht ablegen kann. Als ich Jungdrachin war, waren Bücher eine Seltenheit. Es gab an den Königshöfen Bibliotheken, aber ich bin in einer kleinen gemischten Kommune großgeworden. Bei uns hatten die Magieweber und der Heiler ein paar Schriftrollen, mehr nicht. Von den Bibliotheken konnte ich nur träumen. Jetzt, wo die großen Verlagshäuser in Primavera Melody sogar maschinelle Druckerpressen haben, ist die Buchauswahl natürlich viel größer. Früher habe ich beinahe alles gelesen, was neu erschien, heute muss ich auswählen.

Besonders gerne lese ich Kriminal- und Schauergeschichten. Außerdem liebe ich die alten Seefahrermärchen. Die sind wunderbar düster und geheimnisvoll.

Und als Lesetipp: Es gibt eine Buchreihe von einer Rjtak, die unter dem Pseudonym Mersa Wüstenreiterin schreibt. Die Bücher spielen in den Stammesgebieten im Zinar-Gebirge und sind eine Mischung aus Abenteuern und Kriminalfällen, die sie im Stammessystem der Rjtak ansiedelt. Inzwischen gibt es mehr als zwanzig Bände, aber als Einstieg würde ich dir „Der tote Brunnen“ oder „Der Schädelklopfer“ empfehlen.

[Sandra] Wo ich gerade schon die Politik angesprochen habe. Kannst du den an Skyles Innenpolitik Interessierten ein paar Details zur Lage geben? Was hat es mit den verschiedenen Königreichen auf sich, in welchem Verhältnis stehen sie? Kennst du dich da aus? Und was glaubst du, wer die eigentliche Herrschaft über Skyle hat?

[Kajin] Das sind schwierige Fragen. Wo fange ich an?

Das, was vermutlich am Sichtbarsten für eine Besucherin wie dich ist, sind die vier großen Wolkenreiche: Winter-, Frühling-, Sommer- und Herbstreich. Sie befinden sich jeweils grob in einer der vier Himmelsrichtungen.

© Alexander Staake / Esther K. Bertram

Die größte Bevölkerungsgruppe in Skyle sind die Menschen. Das war nicht immer so, aber inzwischen lenken sie das politische Geschehen an den meisten Orten. Das Sommerreich ist das einzige Wolkenreich, das nicht von einem Königshaus regiert wird, sondern von einem Senat, dem Sommerrat. Die Königshäuser des Winters und des Frühlings gehören durch Heirat und Verwandtschaft inzwischen zu derselben Adelslinie, stehen sich aber feindlich gegenüber. Neben den Königshäusern gibt es als militärische Großmacht die Königliche Marine, die aktuell der Frühlingskönigin untersteht.

Für die Drachen gibt es als Instanz die drei Drachenkaiser, die so etwas wie ein magisches Gegengewicht zu den menschlichen Machtstrukturen bilden. Und dann sind da noch die verbliebenen Urvölker von Skyle, die jedes ein eigenes Gesellschaftssystem haben. Kurz: es ist kompliziert.

Noch komplizierter ist es, deine letzte Frage zu beantworten. Die eigentliche Herrschaft über Skyle? Gibt es so etwas? Am ehesten hat vielleicht die Marine das Potenzial, die Herrschaft zu übernehmen, aber aktuell herrscht, gelinde gesagt, ziemliches Chaos. Ich weiß nicht, wohin sich Skyle politisch und gesellschaftlich entwickeln wird. Wir leben in Zeiten des Umbruchs, die für so langlebige Wesen wie uns Drachen schwer zu begreifen sind. Wenn sich innerhalb weniger Jahre scheinbar die gesamte Struktur der Welt verändert, bleibt dann noch Platz für uns?

[Sandra] Ok, ich sage es jetzt einfach. Es ist kein echtes Geheimnis, oder? Dass du deine Gestalt wechseln kannst. Verspürst du dabei eine Art von … Schmerz, ein Prickeln oder Jucken? Keine Sorge, dieses Interview wird nur außerhalb von Skyle erscheinen, du kannst also alles rauslassen *zwinker*.

[Kajin] Außerdem habe ich einen Tintenmagiezauber auf uns beide gelegt, der Geräusche schluckt. Nichts für ungut, aber sonst würde ich nicht so frei mit dir sprechen.

Um deine Frage zu beantworten: Nein, für diejenigen, die wissen, dass ich eine Drachin bin, ist es kein Geheimnis, dass ich die Gestalt wechseln kann. Alle Drachen in Skyle können das, das ist im Zauber dieser Welt verankert. Die Mädchen hier im Dragon wissen es allerdings nicht, und ich würde dich bitten, es geheim zu halten.

Wir lernen den Wechsel zwischen unseren Formen noch bevor wir lernen, unsere Elementmagie zu beherrschen. Tatsächlich ist das essenziell, um auf unsere Drachenkräfte zugreifen zu können, denn die sind aus gutem Grund in unserer Menschenform versiegelt. Am Anfang ist es schwieriger, gegen den Bannzauber anzukommen, um von Menschen- in Drachenform zu wechseln. Die ersten Male kann es unangenehm sein, die veränderte Masse von Magie aufzunehmen oder abzugeben, aber die meisten bekommen schnell den Bogen raus. Mit zunehmender Gewöhnung ist es dann eher ein Prickeln, wenn wir die Formen wechseln, oder manchmal ein Ziehen, je nachdem, wie magiesensibel du bist. Schmerzhaft sollte es nicht sein. Und je häufiger du zwischen den Formen wechselst und je besser du deine Magie beherrschst, umso schneller geht es. Manche Drachen brauchen gerade mal einen Wimpernschlag.

© Alexander Staake / Esther K. Bertram

[Sandra] Danke, liebe Kajin, für dein Vertrauen und dass du diese Details mit mir und meinen Leser*innen teilst. Für mich klingt das ziemlich aufregend.

Ich würde gerne noch etwas mehr darüber erfahren, was es bedeutet eine Drachin zu sein. Verrätst du mir, wie es sich anfühlt zu fliegen?

[Kajin] *blickt eine Weile still aus dem Fenster, bevor sie antwortet*
Ich muss gestehen, ich habe schon sehr, sehr lange nicht mehr die Gestalt gewechselt. Aber fliegen … Fliegen ist Freiheit. Drachendasein in Freiheit. Bei all der Unsicherheit und der Gefahr, in der wir uns zurzeit befinden, ist die Freiheit weiter im Kern unseres Lebens. Egal, was um uns herum passiert und wie sich diese Welt entwickelt, wir haben immer die Freiheit, zu tun und zu lassen was wir wollen, und viele von uns haben auch das Privileg, genau das zu machen. Das Fliegen ist gelebte Freiheit. Die einzigen Grenzen sind die unserer eigenen Kraft und die einzigen Gesetze sind die der Magie und der Schwerkraft.

[Sandra] Bitte entschuldige, falls ich mit meiner Frage etwas zu weit gegangen bin. Einer meiner innigsten Wünsche ist es fliegen zu können und daher war ich ganz einfach furchtbar neugierig, wie es sich anfühlt, sich zwanglos zwischen den Wolken bewegen zu können, ohne an Bord eines Wolkenschiffes zu sein.

Lynx, – du hast von einem Zauber gesprochen, daher traue ich mich jetzt einfach, dich mit deinem richtigen Namen anzusprechen – hast du einen Traum, von dem du glaubst, dass er sich vermutlich nie erfüllen wird?

[Lynx] Ja, ich habe einen Traum, der sich wohl nie erfüllen wird. Ich träume von einer friedlichen Zukunft für Skyle. Für die Drachen und die Menschen, für die Rjtak und Antinanco und das Moosvolk, die Kenuri und Moena. Für alle Völker von Skyle. Ich wünschte, ich könnte Skyle mit einem Zauber belegen, der Gewalt und Hunger abwehrt, so ähnlich, wie ich es hier mit dem White Dragon gemacht habe. Aber ich weiß, dass es keine friedliche Zukunft geben wird, solange es Leute gibt, die nach Macht streben, und keinen Zauber, den ich weben könnte, der groß genug ist. Also müssen wir so gut es geht versuchen, miteinander auszukommen und zu helfen, wo es geht.

[Sandra] Das ist ein wunderschöner und gleichzeitig auch sehr mächtiger Traum. Solch große Veränderungen bedürfen oft vieler kleiner Schritte.

Ganz herzlichen Dank, liebe Lynx, für dieses vertrauensvolle Gespräch. Ich freue mich darauf, bald wieder einmal nach Skyle reisen zu können, werde bis dahin die Aussicht auf das Wolkenmeer schmerzlich vermissen und wünsche dir und deinen Begleitern eine sichere Reise auf eurem Weg. Ich bin zuversichtlich, dass ihr gemeinsam vieles erreichen werdet, um Skyle eines Tages zu dem friedlichen Ort zu machen, den du dir erträumst. Ich werde jetzt in meine Welt zurückkehren. Wohin führt dich dein Weg?

[Lynx] Ich werde noch ein wenig hier in Gale bleiben und einige Freunde und alte Bekannte besuchen. Ich habe ja schon zu Beginn unseres Gesprächs zugegeben, dass es mir nicht leicht gefallen ist, von hier wegzugehen, daher freue ich mich besonders, mal wieder hier zu sein. Danach werde ich an Bord der Firebird Star zurückkehren. Bitte sei mir nicht böse, wenn ich dir nicht verrate, wo sie vertäut liegt, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass du sie sicher gerne sehen würdest. Wenn alle zurück an Bord sind, werden wir dorthin reisen, wohin uns die Winde tragen.

Auch dir, liebe Sandra, vielen Dank für das Gespräch. Es hat mir Freude bereitet. Freundliche Winde für dein Segel.

[Sandra] *lacht* Da hast du mich erwischt – und wie gerne ich einen Blick auf euer Wolkenschiff geworfen hätte! Aber ich verstehe natürlich, dass ihr vorsichtig sein müsst. Da bleibt mir nur, dir und der gesamten Besatzung der Firebird Star sicheres Geleit für euren Flug zu wünschen. Auf ein baldiges Wiedersehen.

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SKYLE – HIMMELSBEBEN
Esther K. Bertram
erschienen im Dezember 2019 im Kladdebuchverlag
510 Seiten, Softcover
ISBN 978-3-945431-38-2
19 Euro
Mehr über die phantastische Welt Skyle, die Figuren, die Autorin und die Hintergründe findet ihr auf der Webseite zur Reihe
Buchcover zeigt Schiffe vor einer Burg darüber ein Drache. Das alles in den Wolken
© Esther K. Bertram / Kladdebuchverlag

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Lynx’ musikalisches Charakterthema

Jede der Hauptfiguren in Skyle: Himmelsbeben hat ihr eigenes Thema, das ihr von Andreas Kuch auf den Leib komponiert wurde. Hier könnt ihr Lynx’ Musik hören – immer und immer wieder:


Vielen herzlichen Dank an dich, liebe Esther, für dieses schöne Interview mit einer deiner Figuren.
Du bist wahrlich eine Phantastische Frau.

© Esther K. Bertram / Kladdebuchverlag
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