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Comicrezension

Africa Dreams – Maryse & Jean-François Charles + Frédéric Bihel

Comic und daneben einige trockene Pflanzenzweige

Belgiens König Leopold II. beherrschte aus der Ferne den Kongo-Freistaat und ließ ihn ausbeuten. In den Jahren 1885 bis 1908 spielten sich unfassbare Gewalttaten in dem afrikanischen Land ab. Menschen wurden zur Zwangsarbeit “rekrutiert” und bei der Kautschukernte eingesetzt. Menschen wurden verstümmelt, missbraucht, Dörfer und Familien auseinandergerissen. In diesen Jahren sind mehr als 10 Millionen Menschen gestorben. Mitten in diese Kongogräuel führt uns Africa Dreams.

Comicleseprobe

Africa Dreams, Seite 5

Die Geschichte darf nicht ausgeblendet werden

Überaus ernst, erschreckend und grausam ist die Thematik, die zwischen diesen mit schönen aquallerierten Bildern geschmückten Buchdeckeln steckt. Vor einigen Jahren begann ich mich für die europäische Kolonialgeschichte zu interessieren. In einem Bildungsurlaub zum Thema erfuhr ich von der Auslöschung des Volkes der Herero Anfang des 20. Jahrhunderts in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Zu sagen, eine der unsäglichen Taten, die den Menschen in Kolonien angetan wurden, wäre schrecklicher als eine andere, halte ich für unangemessen. Es würde wie eine Pyramide des Schreckens wirken. Jeglicher Kolonialismus bedingt einen Eingriff in die Freiheit von Menschen. Africa Dreams berichtet von einer außerordentlich schrecklichen Tat in seiner Gesamtheit, mit dieser Aussage sollen andere Geschehnisse jedoch keineswegs verharmlost werden.

Comicleseprobe Splashpage

Africa Dreams, Seite 7

Das von Maryse und Jean-François Charles geschaffene Szenario verwebt die fiktive persönliche Geschichte des Missionars Paul Delisle mit realen historischen Geschehnissen. Beim Lesen entsteht so eine gewisse Nähe zu einem Menschen, der an unserer Stelle das Land kennenlernt und vor dem sich die grausamen Geschehnisse Stück für Stück aufblättern. Einerseits ist da dieses wunderschöne, unberührte Land, das von Frédéric Bihel in traumhaft schöne Bilder gefasst wurde. Eine leinwandähnliche Textur lässt einen versuchen über die Seiten zu streichen, um diese dreidimensional wirkende Textur auch mit den Fingern spüren zu können. Andererseits zieht sich die schier unfassbare Grausamkeit des Szenarios wie eine entzündete eiternde Wunde durch diese Idylle.

Comicleseprobe

Africa Dreams, Seite 8

Ich musste absetzen beim Lesen, konnte den umfangreichen Hardcoverband, der insgesamt vier Comicalben beinhaltet, nicht an einem Stück lesen. Die Autoren haben es geschafft, ein wichtiges Thema der europäischen Kolonialgeschichte in einer zugänglichen Form aufzubereiten. Sie schaffen Aufmerksamkeit, klären auf und berichten.

Africa Dreams kann Zugang verschaffen zu diesem Teil unserer Geschichte. Betrachtet man die (macht-)politischen Zusammenhänge sind diese auch heute nicht aus der Welt geschafft. Dieser Comic möchte keine seichte Lektüre für nebenbei sein. Da die Zeichnungen sich nicht darauf konzentrieren brutale Gewalt darzustellen, halte ich dieses Buch auch für jüngere Lesende ab ungefähr 14 Jahren geeignet, wenn Interesse an der Thematik besteht und die Lektüre nicht als pure Unterhaltung angesehen wird.

AFRICA DREAMS

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Story: Maryse und Jean-François Charles
Zeichnungen + Farben: Frédéric Bihel
Details: erschienen am 23. April 2019 im Splitter Verlag (Link zur Leseprobe) • Einzelband/Gesamtausgabe • 200 farbige Seiten • Hardcover • Euro 36 • ISBN 978-3-96219-190-0
Auch für Comic-Einsteiger*innen geeignet!

Den Comic habe ich als kostenfreies Rezensionsexemplar erhalten. Meine Meinung ist davon unbeeinflusst.

Cover zeigt zwei Männer in einer Graslandschaft

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