Henry Thompsons Verantwortungsbereich in der Verkehrsbehรถrde von Metropolis ist die Verkehrsรผberwachung. Er war stets fasziniert von Zรผgen und nachdem seine Eltern ausgerechnet bei einem tragischen Zugunglรผck ums Leben kamen, war sein Weg klar. Sein Ziel war es, aktiv daran mitzuarbeiten, dass solche Dinge nicht mehr passieren kรถnnten. Und so ist dies auch heute seine Mission – viele Jahre nach dem tรถdlichen Unfall.
Plรถtzlich aber haben grรถรere Geschehnisse Einfluss auf Henrys Arbeit. Terroristische Anschlรคge mit verheerenden Explosionen รผberziehen das Land, auรerdem verschwindet die gerade 18-jรคhrige Tochter des Bรผrgermeisters. Ausgerechnet Henry erhรคlt den Auftrag dem Ganzen nachzugehen und erhรคlt unerwartete Unterstรผtzung. Die KI OWEN soll ihn begleiten und bei der Aufklรคrung helfen. Nicht nur, dass Henry sich seine Arbeit eigentlich anders vorstellt, zeichnet sich OWEN auch noch als unangenehmer „Partner“ heraus. OWEN liebt es sich selbst und auch Henrys Erscheinungsbild immer wieder zu verwandeln. Er hat miese Umgangsformen und verhรคlt sich รผberhaupt nicht so, wie sich Henry das von einer KI aus dem Kreis der Verwaltung vorgestellt hat.
Pulp Fiction? Stadtbiografie? Psychologische Studie?
Was von all diesem ist es denn nun? Die Frage habe ich mir beim Lesen gestellt, immer wieder. Liest sich der Roman anfangs wie die Biografie einer Groรstadt, entpuppt er sich dann in den meisten Kapiteln doch als eine psychologische Studie รผber eine KI-Mensch-Beziehung.
Spannung kommt beim Lesen kaum auf, der gesamte Text bleibt einem beim Lesen distanziert gegenรผber. Stellenweise entsteht eine gewisse Situationskomik, wenn OWEN sich die aberwitzigsten Dinge und Verwandlungen ausdenkt. Aber dies ist alles nur Fassade, geht es doch eigentlich grรถรtenteils um die besondere Beziehung zwischen der Kรผnstlichen Intelligenz und dem Menschen. Sie entwickelt sich, OWEN und Henry scheinen zusammenzuwachsen, sogar voneinander zu profitieren.
„Davon, dass der Tod deiner Eltern dich zu dem gemacht hat, was du bist, aber nur weil du hasst, was passiert ist, musst du dich nicht selbst hassen.“Der Metropolist, S. 246'
Die Beschรคftigung mit der Thematik scheint aktuell und frisch, schlieรlich wird heutzutage รผberall mit dem Begriff KI um sich geworfen, ist sie aber nicht. Da waren andere Autor*innen, wie beispielsweise Asimov, deutlich frรผher dran.
Ich mag den Ausspruch nicht besonders, trotzdem kommt mir „Nicht Fisch, nicht Fleisch“ bei diesem Roman immer wieder in den Sinn. Zwar รผbte der sprachlich richtig gute Text eine gewisse Faszination aus, die mich auch am Buch gehalten hat, jedoch konnte ich mir selbst nie erklรคren, warum ich eigentlich weiterlesen wollte. Hatte ich nach den einfรผhrenden Kapiteln die Stadt Metropolis selbst als Protagonistin und Haupthandlung vermutet, kippte der Fokus aber immer wieder auf OWEN und Henry und deren zwischen“menschliche“ Konflikte. Dass die beiden eigentlich auf der Suche nach der Tochter des Bรผrgermeisters waren, hatte ich bis gut รผber die Hรคlfte des Buches schlichtweg vergessen. Es war fรผr mich nicht mehr relevant – es zรคhlten nur noch KI und Mensch.
Wรคre mir nun eine Stadtbiografie lieber gewesen? Oder eine spannende Actionstory, die nicht von der intensiven Betrachtung der Mensch-Maschine-Begegnung, untergebuttert worden wรคre? Ich weiร es nicht. Am Ende war ich zufrieden, den Roman bis genau auf diese letzte Seite verfolgt zu haben. Wer nun aber die passende Zielgruppe fรผrย Der Metropolist ist? Das lรคsst sich schwer festmachen. Vermutlich ist diese Gruppe sehr divers, denn das Buch scheint sich auf unterschiedliche Arten lesen zu lassen. Ich empfehle daher einen Blick in die Leseprobe (Link).
Anzeige
Seth Fried
รbersetzung aus dem Amerikanischen: Astrid Finke
Details: erschienen 15. Juli 2019 im Heyne Verlag โข ISBN 978-3-453-32014-7 โข 320 Seiten โข Softcover โข Euro 9,99
Weitere Rezensionen in den Blogs:
Kapitel 11 (Link)
Powerschnute (Link)

Hallo Sandra,
wie ich sehe, kannst du das Buch auch nicht so richtig einschรคtzen :)
Ich habe es auch gelesen und rezensiert, ich bin mir immer noch unsicher, wie ich es finden soll. Es gab einfach einiges, was ich nicht so toll fand.
Mit den Protagonisten konnte ich gar nichts anfangen, schade!
Liebe Grรผรe Anett
Danke fรผr deine Meinung, liebe Anett :-)
Ja, die beiden Figuren im Vordergrund sind mir gegenรผber auch blass geblieben. Einzig der Konflikt hat mich interessiert. Ich werde wohl nicht so schnell wieder zu einem Buch des Autors greifen.
Liebe Grรผรe
Sandra