Claudio Bianchi gilt als Einzelgรคnger, als Sonderling. Vor langer Zeit soll dies einmal anders gewesen sein, erzรคhlen sich die Dorfbewohner, aber das muss sehr lange her sein. Was sollen sie auch denken von diesem „alten“ Kerl, der allein mit ein paar Tieren abgeschieden auf seinem Hof in den Bergen Sรผditaliens lebt? Ihm selbst ist das recht so. Zur AuรŸenwelt hat er fast keinen Kontakt, einzig der Postzusteller kommt unermรผdlich die zum Ende hin ungepflasterte StraรŸe hochgefahren. Ertrรคgt sogar seinen merkwรผrdigen Ziegenbock Cherubino, dessen Hรถrner zu einer echten Gefahr werden kรถnnten.

Dass Bianchi Gedichte verfasst, er in der Poesie aufgeht, sie neben den Tieren sein Lebensinhalt ist weiรŸ so gut wie niemand. Und auch keiner kann ahnen, Bianchi eingeschlossen, was ihn erwartet. Ein Einhorn steht plรถtzlich auf seinem Weinberg, wirkt vรถllig surreal. Und dieses mystische Wesen kann ja auch unmรถglich real sein. Doch es erscheint immer wieder. Bis es schlieรŸlich sogar bleibt. Wรคre dies nicht schon Aufregung genug fรผr Claudio, stiehlt sich auch noch eine junge Frau in sein Leben. Giovanna. Und schon steht sein Leben so richtig auf dem Kopf. Oder beginnt er erst jetzt wieder richtig zu leben? Mit allen Konsequenzen?

Voller Zauber

Der Versuch Peter S. Beagles neuesten Roman in eine Nische mit seinem wohl bekanntesten Werkย Das letzte Einhorn zu stecken wird scheitern. Dennย In Kalabrienย kann keineswegs eindeutig der Fantasy zugesprochen werden wie sein Welterfolg. Mit seinem neuen Buch bewegt sich der Autor (fast) ganz in der realen Welt, in der des dichtenden Bauerns Claudio Bianchi. Dessen Welt durch das Auftauchen eines – zugegeben – phantastischen Wesens in Aufruhr gerรคt. Das bei ihm aufgetauchte Einhorn gilt auch in Bianchis Realitรคt als Fabelwesen, sehr schnell aber akzeptiert er die Existenz dieses neuen Besuchers auf seinem Hof und richtet sogar seinen Tag nach ihm aus.

„Doch eines frรผhen Nachmittags, als er ihr eine Handvoll der ersten Schneeglรถckchen und Butterblumen brachte – sie aรŸ ihm nie aus der Hand, schien aber keine Einwรคnde zu haben, dass er ihr beim knabbern seiner Gaben zusah -, bemerkte er etwas Hell-WeiรŸliches in der Luft, das kein Atem war, oder zumindest nicht ihrer. Darรผber ersann er ein Gedicht; jedoch schrieb er es nur in seinem Kopf, und bis er zurรผck im Haus war war es wie jeder Traum von ihm gewichen.“
In Kalabrien, S. 42

Das Einhorn inspiriert ihn und lรคsst zudem neue Menschen in sein eigenbrรถdlerisches Leben. Beagle zeichnet hier eine รผberaus zauberhafte, liebenswerte und zugleich realistische Atmosphรคre, die mich auf besondere Weise berรผhrt hat. Die Seiten stecken voller wunderschรถner Zitate, der Protagonist selbst steckt voller Poesie und Ehrfurcht. Als die wesentlich jรผngere Giovanna in sein Leben tritt, รคndert sich fรผr Bianchi nochmal so einiges.

Ich musste lรคcheln wรคhrend des Lesens, weil ich die Herzlichkeit so deutlich spรผrte, die diese beiden Menschen verband und die sie selbst vermutlich noch gar nicht bemerkten. Fรผhlte mich dabei wie ein stiller Beobachter, ganz so wie Bianchi wenn er „sein“ Einhorn betrachtete. Voller Ruhe, Zuneigung und Respekt.

In Kalabrien erzรคhlt nicht einfach die Geschichte eines Bauern und einem Einhorn. Das wรคre zu einfach, austauschbar und auch wesentlich weniger intensiv. Es steckt viel mehr in diesem Buch. Vor allem Herz. Und viel Lebensweisheit. Als Beispiel werfen wir einen Blick auf die Namensgebung des bei Claudio lebenden und gefรผrchteten Ziegenbocks: Cherubino. Die Cherubim gelten unter anderem als engelhafte Wesen (Cherub in der Wikipedia (Link), womit der Name vom Autor vermutlich sehr sensibel und bewusst fรผr diesen treuen Begleiter seines Protagonisten gewรคhlt wurde, denn Bianchis Cherubin hat eine ebenso beschรผtzende Rolle inne.

Dieser Roman zeugt einmal mehr vom Fingerspitzengefรผhl der Hobbit Presse, die ich fรผr ihr ausgewรคhltes Programm seit Jahrzehnten schรคtze. Ein wunderschรถnes Buch, innen wie auรŸen, das sich hervorragend auch als Geschenk fรผr anspruchsvolle Leser_innen eignet. Ob sie Fantasy mรถgen oder nicht, ist vรถllig irrelevant. รœbersetzt von einem der besten deutschen Phantastikautoren: Oliver Plaschka. Ein Herzensbuch im wahrsten Sinne des Wortes.

In Kalabrien

Geschrieben von

Peter S. Beagle

Genre und Leseprobe

Literatur. Phantastik.
Eine Leseprobeย steht auf der Webseite des Verlags zur Verfรผgung: „In Kalabrien“ bei Klett-Cotta

รœbersetztย  …

aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka

Noch ein paar Details

Im Februar 2018 erschienen in der Hobbit Presse im Klett-Cotta Verlag,ย ISBN 978-3-608-96217-8,ย Hardcover: 164 Seiten, Eur 16

Gelesen …

… an nur einem Tag am Wochenende in der heimatlichen Leseecke

Eine weitere Rezension zum Buch …

gibt es beispielsweise aufย Papiergeflรผster: Peter S. Beagle โ€“ In Kalabrien

Cover in rose-Tรถnen zeigt ein Haus und ein Einhorn

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