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Belletristik / Buchrezension / Kinderbuch

Kinder auf der Flucht vor dem Krieg: Annika Thor – Eine Insel im Meer

Frau mit Brille liest im Zug in einem Buch

Sie dachten, sie kämen für einen etwas längeren Urlaub nach Schweden. Doch es war kein Urlaub und der Aufenthalt sollte viel länger werden als erwartet. Steffi und Nelli lebten in Wien mit ihren Eltern, die sie aber nach Einmarsch der Deutschen in die österreichische Großstadt verlassen mussten. Sie sollten alleine zunächst nach Schweden reisen, bis ihre Eltern eine Ausreisegenehmigung für Amerika erhalten hätten. In Wien lebten sie in einer schönen großen Wohnung, bis die Nazis kamen und allen Juden ihren Besitz nahmen. In einem kleinen Zimmer wurde die Familie zusammengepfercht, sodass es ein großes Glück für die zwei Mädchen war, in das weit entfernte Schweden ausreisen zu dürfen. Ihren Eltern stand diese Möglichkeit zu dem Zeitpunkt nicht offen.

Auf der Flucht

Als Flüchtlinge kommen die Schwestern nach Schweden. Und was sie dort erleben ist damals wie heute aktuell. Zwar werden sie gastfreundlich und durchaus liebevoll aufgenommen, jedoch fühlen sie sich fremd in diesem unbekannten Land bei Menschen, deren Sprache sie nicht sprechen oder verstehen. Zudem werden die Geschwister getrennt voneinander untergebracht, was von außen nachvollziehbar, für die Kinder aber grausam ist. Allein. Fremd. Ungeliebt. Und dazu noch die Angst um die in Wien verbliebenen Eltern.

Annika Thor schreibt in kurzen und leicht verständlichen Sätzen. Dies erleichtert jungen Menschen die Lektüre dieses so wertvollen Buches und mindert dabei älteren Lesern aber keineswegs das Leseerlebnis. Fast malerisch schildert die Autorin die kargen Landschaften der Schäreninsel auf der ihre Protagonistinnen ihr neues Zuhause finden sollen. Beim Lesen des kurzweiligen Buches kommt die teils leichtfüßige Erzählung immer wieder an Stellen, die den Lesefluss jäh stocken lassen. An vielen Ecken lauert die Grausamkeit des Krieges, der schließlich auch das benachbarte Norwegen erreicht. Zudem haben die Mädchen mit den ganz normalen Problemen von Kindern in ihrem Alter zu kämpfen. Ihre Herkunft macht das Ganze zudem nicht einfacher.

Die Furcht vor allem, das fremd ist

Steffi lebt etwas abseits der anderen Inselbewohner und hat es bei ihrem schon älteren Gastgeberpaar nicht leicht. Tante Märta wirkt immerzu mürrisch und streng. Onkel Evert ist zwar liebevoll, aber meist in seinem Beruf als Fischer tagelang unterwegs. So ist Steffi schlechter integriert als ihre Schwester Nelli, die in einer jungen lebhaften Familie mit zwei weiteren kleinen Kindern lebt. Nelli spricht nach kurzer Zeit bereits sehr gutes Schwedisch, bei Steffi aber dauert es lange, bis sie sich gut verständigen kann. Als die beiden zur Schule kommen, hat Steffi es in ihrer Altersklasse doppelt schwer. Die angesagten Mädchen haben so kurz vor der Pupertät bereits ihre eigene Clique und Steffi ist als Fremde das perfekte Opfer. So muss sie auch hier in Schweden erniedrigende Erfahrungen machen. Steffi ist fremd und bleibt dies auch, da es ihr nicht leicht gemacht wird, sich einzubringen, sich zu integrieren. Und mit ihren zwölf Jahren ist sie sich leider auch oft selbst im Weg und grenzt sich aus, obwohl sie eigentlich das Gegenteil erreichen möchte.

Hoffnung – Angst – Hilflosigkeit – Hoffnung

“Eine Insel im Meer” lässt hoffen, dass ein solcher Krieg nie wieder ausbrechen wird. Auch wenn Annika Thor nicht vordergründig über das Kriegsgeschehen berichtet, sind es doch die Rückblenden ins Leben der in Wien ansässigen jüdischen Familie und das Aufblitzen von aufschreckenden Geschehnissen im ruhigen schwedischen Alltag, die die NS-Zeit und die Verfolgung der Juden immer wieder thematisieren. Angst ist eines der Gefühle, die die Geschichte begleiten. Hilflosigkeit ein weiteres, dem sich besonders Steffi als Flüchtling ausgesetzt fühlt.

Dieser Roman wurde 1999 in der Sparte Kinderbuch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Heute ist er so aktuell wie eh und je. Nicht nur das Thema des Nationalsozialismus ist wichtig und sollte immer präsent sein. Auch die Möglichkeit eine Geschichte durch die Augen einer Geflüchteten zu sehen, machen dieses Buch so wertvoll. Für Menschen jeden Alters. Wie schön, dass es nun wieder in einer günstigen Taschenbuchausgabe erhältlich ist. Es gibt drei Folgebände, die ebenfalls beim Carlsen Verlag erhältlich sind. Dieser erste Roman kann aber auch losgelöst von den Fortsetzungen gelesen werden.

Auf der Verlagswebseite könnt ihr in das Buch reinlesen: zur Leseprobe beim Carlsen Verlag.

Annika Thor – Eine Insel im Meer, erschienen im Januar 2017 im Carlsen Verlag, ISBN 978-3-551-31556-4, 240 Seiten, Eur 7,99

Buchcover: Zwei Mädchen sitzen mit dem Rücken zum Betrachter

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1 Comment

  • Wider/Gegen Das Vergessen – Challenge – Lesen – eine Leidenschaft fürs Leben
    25. Juli 2018 at 09:40

    […] Ulrich Alexander Boschwitz – Der Reisende Annika Thor – Eine Insel im Meer Simon Schwartz – Ikon (Comic) Veronika Mischitz und Christopher Bünte – kleiner vogel […]

    Reply

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