Saurier. Science Fiction. Western.

In einer Welt, der man die Spuren der Rebellionskriege draußen in den Wüsten deutlich ansieht, besteht Jarris Lebensaufgabe darin, die Herde seines Vaters zu beschützen und durch die Lande zu treiben. Riesige Wracks liegen hier im Sand in einer Landschaft, die von einer immensen wasserführenden Pipeline durchzogen wird. Und obwohl die Chasmosaurier Jarri als ihren Führer erwählt haben und nicht er sie, ist es doch ein 300 Jahre altes Erbe, das er mit dieser Tätigkeit angetreten hat. Allein und sehnsüchtig nach einer Beziehung treibt er die gut 100 Tiere fassende Herde auf seinem Reitsaurier Stygo in Richtung Nomadenmarkt. Dort wird er endlich wieder auf andere Menschen treffen, sich nicht nur mit Sauriern unterhalten können und nicht ausschließlich auf Kontakte angewiesen sein, die in digitaler Form stattfinden.

Kurz nachdem er einen Ort passiert hat, an dem seine Mutter, eine von der Armee desertierte Soldatin, damals seinen Vater kennenlernte, wartet eine lebensbedrohende Gefahr auf Jarri und seinen Viehtreck. Ein großer fleischfressender Raubsaurier und ein Pterodaktylus haben es auf einen vereinzelten Chasmosaurier abgesehen. Außerdem tauchen plötzlich Wächter aus der Stadt in ihren Flugmaschinen am Himmel auf. Was suchen sie hier draußen? Worauf haben sie es abgesehen?

Auf Seite 19 wusste ich, dass Negalyod ein Highlight ist

Achtung, es wird mal wieder emotional und ich hoffe, ihr habt das Folgende auch bereits einmal erlebt. Als ich mit Negalyod begonnen habe, bin ich direkt auf der allerersten Seite gebannt hängen geblieben. Dann kam Seite 2. Ich glaube, ich habe laut „Wow“ gesagt. Meine Augen weiteten sich, ich hatte das Gefühl, dies könnte ein Highlight sein. Gepaart mit einer Angst, dass mich die nächsten Seiten, der weitere Verlauf der Story enttäuschen könnte. Aber damit habe ich zum Glück falsch gelegen. Ich bin ehrlich (wie immer), wenn ich sage, dass Negalyod für mich einer der besten Comics ist, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Leseprobe zwei Comicseiten

Negalyod Seiten 6-7

Es kam Seite 9, auf der mich Vincent Perriot mit einem Ausdruck in den Augen des Reitsauriers Stygo überfiel, der mich tief einatmen ließ. Dann Seite 10, auf der klar wurde, dass Perriots Protagonist Jarri über das Konzept eines Cowboys, der Dinosaurier anstelle von Rindern treibt, deutlich hinaus geht. Und so ging es weiter, Seite um Seite wurde die Welt komplexer, die Story größer und die Charaktere vielschichtiger.

Es wird dystopisch, phantastisch, futuristisch, ökologisch, politisch – ich kann meine Begeisterung schwer in Buchstaben fassen, würde sie am liebsten laut hinausschreien. In allen Aspekten in diesem Comic habe ich eine perfekte Harmonie gespürt. Perriot experimentiert mit diversen bildlichen Erzählweisen, zoomt rein und raus, haut Splashpages raus, die meine Augen haben feucht werden lassen. Staubwolken, die bei schnellen Bewegungen der Saurier immense Dynamik erzeugen. Panels in denen ich drei Mal hinschauen musste, ob sich die Reiter und Tiere nicht gerade doch bewegt haben.

Jedes Panel, jede Seite ist voller Hingabe und mit großem Können inszeniert. Absolut faszinierend!

Comicleseprobe

Negalyod Seite 19

Selten habe ich so lange in einzelnen Panels festgehangen wie in diesem Buch. Sie alle wollten mir so viel erzählen, ließen mich immer wieder Neues entdecken. Ließen mich vor- und wieder zurückblättern, nochmals nachlesen, nochmals nachsehen. Begeistert hat mich neben der hervorragenden Story die Darstellung der urbanen Strukturen und der Technik – alles erschaffen durch viele feine Striche. Perriots Zeichnungen wirken eher organisch und verzichten auf gerade, exakte Linien. Ausnahmen sind nur die Panelbegrenzungen.

Koloriert wurde der Comic von Florence Breton, die diesen mit ihrer Arbeit um ein weiteres Level anhebt. Atemberaubend schön, völlig im Einklang mit den in mir schwingenden Tönen beim Lesen, färbt sie die rauhe wasserarme Welt.

Ganz bewusst halte ich mich in dieser Rezension mit Informationen über den weiteren Inhalt zurück. Ich kann nur von Herzen empfehlen, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Einflüsse durch Mœbius beziehungsweise Jean Giraud sind nicht von der Hand zu weisen, aber dies hier ist trotzdem neu. Kein Abklatsch. Und wirklich großartig.

Negalyod ist so klug, so ungewohnt, so schön, so bewegend, so … alles (!), dass es einen warmen und sicheren Platz in der Liste meiner Favoriten hat.

Ich bin begeistert!

Comic vor Pflanzen und mit einigen kleinen Dinofiguren

Negalyod – Vincent Perriot (findet die Saurier)

Tipp: Videodraws

Autor Vincent Perriot hat einen You Tube-Channel (Link) und es lohnt sich dort vorbeizuschauen. Es gibt viele Videos seines Schaffensprozesses (Videodraws), sehr beeindruckend.

NEGALYOD

Anzeige

Geschrieben / Gezeichnet: Vincent Perriot
Koloriert: Florence Breton
Übersetzt: Marcel Le Comte
Details: erschienen Mai 2019 im Carlsen Verlag • 208 farbige Seiten • Hardcover • Euro 28 • ISBN 978-3-551-73433-4

Cover - oben eine fliegende futuristische Stadt in blau, darunter eine Wüste und ein Reiter auf einem Saurier

Negalyod – Vincent Perriot © Carlsen Verlag

DU WILLST MEHR?

TRAG DICH EIN UND ERHALTE DIE NEUESTEN BEITRÄGE PER E-MAIL!

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.